„Nackte Angst“ im Nahverkehr: EVG schlägt Alarm - Länderchefs reagieren

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer macht sich als Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) die Forderung der EVG zu eigen, das Deutschlandticket künftig mit einem Lichtbild zu versehen. Unterstützt wird er dabei von seinem Stellvertreter in der MPK, Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer.

© Staatskanzlei RLP / Sebastian Rau | Photothek

Beide hatten sich vor der Sitzung der Ministerpräsidenten der Länder eine gute halbe Stunde Zeit genommen, um sich mit drei Vertreterinnen der EVG über die aktuelle Lage auszutauschen.

Carola Schein machte für die Kolleginnen und Kollegen von DB Regio deutlich, wie wichtig die Doppelbesetzung auf Nahverkehrszügen ist. „Wir sind früher mit Freude zur Arbeit gegangen, heute herrscht bei vielen die nackte Angst“, schilderte sie den zwei sichtlich betroffenen Ministerpräsidenten die augenblickliche Situation. Häufig sei „die Lunte bei einigen Fahrgästen so kurz“, dass alles, was in Deeskalationstrainings gelernt werde, gar nicht angewendet werden könne. „Die sind sofort auf dem Baum.“

Um schnell Verbesserungen erzielen zu können, müsse es in den Verkehrsverträgen „Öffnungsklauseln“ geben, forderte Carola Schein. In den Verkehrsverträgen ist unter anderem festgeschrieben, wie viele Zugbegleiter auf welchen Strecken einzusetzen sind. Verstöße gegen diese Vereinbarungen ziehen Strafzahlungen nach sich. „Wir brauchen die Möglichkeit, auf einigen Strecken für ein paar Tage oder Wochen unbesetzt zu fahren, um eine Doppelbesetzung auf kritischen Verbindungen möglich zu machen“, betonte sie - eine Forderung, die bei Alexander Schweitzer auf volle Zustimmung stieß.

„In Rheinland-Pfalz machen wir das jetzt so, langfristig müssen wir aber andere Lösungen finden, denn dass Züge ohne Zugbegleiter fahren, ist aus unserer Sicht nicht akzeptabel.“ Er präferiere deshalb, lieber ein paar Verbindungen weniger anzubieten, dafür aber auf den verbleibenden Strecken qualitativ gute Angebote zu machen. Doppelbesetzung koste Geld, zudem müssten ausreichend gut ausgebildete Mitarbeitende gefunden werden. Aber: „Hier muss sich was ändern, und wir werden das anpacken“, erklärten die beiden Ministerpräsidenten Schweitzer und Kretschmer übereinstimmend.

Simone Schäfer, Zugbegleiterin bei der eurobahn, erweiterte die Forderung nach mehr „Personal“ mit Blick auf die Bundespolizei. „Im Konfliktfall kommt oft niemand, um uns zu unterstützen, weil es auch dort an Personal fehlt.“ Bund, Länder und die Unternehmen seien gefordert, alles Mögliche zu tun, damit sich Beschäftigte nicht bei Dienstbeginn fragen müssten, ob sie nach der Schicht wieder gesund nach Hause kämen. Das sei leider die augenblickliche Situation.

Ein Thema, das bei Bus und Bahn häufig für Konflikte sorge, sei das Deutschlandticket, sagten die drei EVG-Vertreterinnen in diesem Zusammenhang. Da es auf dem Ticket kein Foto der Abonnierenden gebe, müsse sich jeder Reisende mit einem Lichtbildausweis legitimieren. Das sorge häufig für Auseinandersetzungen, weil sich selbst redliche Reisende „als Schwarzfahrer“ verdächtigt fühlten.

Die Forderung der EVG, ein unverwechselbares Deutschlandticket zu schaffen, wollen sich die beiden Ministerpräsidenten zu eigen machen. „Wir brauchen ein echtes Deutschlandticket mit Lichtbild und einheitlichen Leistungen. Dafür werden wir uns jetzt einsetzen“, so Alexander Schweitzer. Den Ländern obliege ein Großteil der Finanzierung, da würden sie ihre Einflussmöglichkeiten geltend machen“, kündigte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident mit Zustimmung seines sächsischen Kollegen an.

Auch für die Busfahrenden wäre das ein echter Fortschritt. „Wir sind ja immer ganz allein auf uns gestellt“, stellte Yvonne Liska, Busfahrerin bei WestfalenBus, fest. Die Kontrolle von Tickets sei immer ein kritischer Moment und streng genommen nicht Aufgabe derer, die den Bus fahren. Sie sprach sich zum Schutz vor Übergriffen für komplett geschlossene Fahrerkabinen und eine bargeldlose Bezahlung aus. Videoüberwachung müsse in Bussen zur Pflicht werden und dürfe nicht davon abhängig sein, ob diese vom Aufgabenträger gefordert wird oder nicht.

Der EVG-Vorsitzende Martin Burkert begrüßte die Bereitschaft des Vorsitzenden der MPK und seines Stellvertreters, die Forderungen der EVG, die durch die persönlichen Erfahrungen von Beschäftigten noch einmal unterstrichen wurden, in die Ministerpräsidentenkonferenz zu tragen. Die Länder könnten eine starke Rolle spielen, um die Sicherheit bei Bus und Bahn zu verbessern. „Wir sollten gemeinsam tun, was möglich ist“, so Martin Burkert. Gleichzeitig machte der EVG-Vorsitzende deutlich, dass es mehr Sicherheit nicht zum Nulltarif geben werde. „Wenn alle Regionalzüge doppelt besetzt werden, brauchen die Eisenbahnen rund 3.000 zusätzliche Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter. Insgesamt ist mit einer Milliarde Euro Mehrkosten zu rechnen.“ 

Für Alexander Schweitzer und Michael Kretschmer war am Ende des halbstündigen Erfahrungsaustausches klar: Ein gutes Angebot im öffentlichen Personennahverkehr ist ohne Sicherheit nicht zu bekommen. Dies umzusetzen sei gemeinsame Aufgabe der Ministerpräsidenten, der Bundesregierung und der Verkehrsunternehmen. Wörtlich sagte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident: „Uns ist wichtig, dass wir dabei kein Verantwortungs-Pingpong betreiben“ – auch das eine Forderung der EVG.

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