EVG-Sicherheitsumfrage 2026: Gewalt ist Alltag – Jede:r Dritte denkt über Ausstieg nach

Angesichts der zunehmenden Gewalt bei Bus und Bahn drohen eklatante Folgen für die Fahrgäste. Knapp ein Drittel der Beschäftigten spielt mittlerweile mit dem Gedanken, den Beruf zu wechseln. Das ist eines der Ergebnisse der jüngsten Sicherheitsumfrage der EVG. Setzen sie diesen Gedanken um, würden zwangsläufig Züge wegen Personalmangel stehen bleiben. Einen solchen „Aderlass“ könnte kein Unternehmen kurzfristig kompensieren.

Im Vergleich zur Sicherheitsumfrage von 2024 hat sich das Sicherheitsempfingen der Beschäftigten noch einmal verschlechtert. Zwei Drittel der Befragten fühlen sich auf der Arbeit immer unsicherer. Das hat Gründe: Jeder Zweite hat mittlerweile einen körperlichen Angriff erleben müssen. Verbale Übergriffe wie Beleidigungen oder Bedrohungen haben sogar schon 85 Prozent der Befragten erlebt. Die Freude am Beruf geht zunehmend verloren; viele gehen mittlerweile mit Angst zur Arbeit.

Die Antworten auf die Frage, welche Maßnahmen ergriffen werden müssten, um für mehr Sicherheit zu sorgen, waren eindeutig: Auf den ersten beiden Plätzen der Umfrage liegen die Forderungen nach einer Doppelbesetzung bei den Zugbegleitern und mehr Sicherheitspersonal. 61 Prozent fordern zudem mehr Bundespolizei bei risikoreichen Fahrten. 

Gefordert wird auch, dass die Bodycam mit Tonbandaufzeichnung kommen musss. Das Tragen soll aber freiwillig bleiben und dürfe nicht die einzige Maßnahme sein. Deutlich kritisiert wird in diesem Zusammenhang, dass die Hälfte der Arbeitgeber keinerlei Notrufoption für ihre Beschäftigten anbieten. Zudem seien Meldewege viel zu oft unbekannt oder deren Nutzung unklar. Dadurch fühlen sich viele Kolleginnen und Kollegen allein gelassen, wenn etwas passiert ist.

Unter den befragten Busfahrerinnen und Busfahrern, die bisher über keine der genannten Maßnahmen verfügen, wünschen sich 91 % Videoüberwachung, 89 % geschützte Bereiche und 86% Notrufoptionen. Die Sprecherin der Zentralen Fachgruppe Bus, Yvonne Liska, hatte es bei einem Treffen mit den Ministerpräsidenten der Länder Rheinland-Pfalz und Sachsen, Alexander Schweitzer und Michael Kretschmer, die derzeit den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz innehaben, deutlich gemacht: „Im Bus sind wir ganz allein, für uns gibt es keine Rückzugsmöglichkeit. Deshalb brauchen wir eine geschlossene Fahrerkabine, die uns vor Übergriffen schützt“. 

Da Betroffene einen Angriff bei Bus und Bahn oder auf den Bahnhöfen nicht einfach so wegstecken, verlangen die Teilnehmenden der Umfrage eine bessere Versorgung nach Übergriffen.  Supervisionsangebote und eine längere bezahlte Freistellung sollten der Standard werden. Derzeit bekommen 53 % der Befragten selbst in Fällen, in denen sie drastische Szenen bei Unfällen erleben mussten, keine bezahlte Freistellung. 46   der Befragten wünschen sich außerdem mehr vom Arbeitgeber initiierten kollegialen Austausch.

Insgesamt sind viele Beschäftigte mit den derzeitigen Angeboten der Arbeitgeber zum Thema Sicherheit unzufrieden (39 % in Bezug auf die direkte Führungskraft, 58 % in Bezug auf das Unternehmen). Die Folge: etwa ein Drittel unter den Unzufriedenen spielt mit dem Gedanken, den Beruf zu wechseln. „Die ausufernde Gewalt bringt das ganze System ins Wanken", sagt der stellvertretende EVG-Vorsitzende Kristian Loroch. Einen so massiven Personalverlust könne kein Unternehmen kompensieren. Bahnunternehmen und Politik müssten das Problem endlich in den Griff bekommen. „Sonst könnten bald massenhaft Züge und Busse wegen Personalmangels stehenbleiben.“

An der aktuellen Umfrage der EVG haben mehr als 4.000 Mitglieder teilgenommen, die im Kundenkontakt stehen. Die Beteiligung der Kolleginnen und Kollegen war überproportional hoch. Durchgeführt wurde die Umfrage von Dr. Britta Busse, Mitglied des „Institut Arbeit und Wirtschaft“ (iaw) der Universität Bremen.