„Ich bin im dritten Ausbildungsjahr, habe die schriftliche Prüfung schon hinter mir und warte nun darauf, dass ich für die mündliche Prüfung eingeladen werde, welche dann, sofern ich sie bestehe, mein Ausbildungsverhältnis auflöst und mich arbeitslos macht.“ So beschreibt Julia Bahner ihre Situation Anfang Mai. Die aber nicht nur ihre ist, sondern die von weiteren 27 jungen Menschen in ihrem Betrieb. Allerdings seien sie nicht die ersten, denen das widerfährt. Bereits im vorigen Jahr wurden keine Azubis übernommen. „Und jetzt ist der Arbeitgeber scheinbar wieder überrascht von der Summe an Auslernern, die er selbst 2023 eingestellt hat.“
Zur Einordnung: In Julias Betrieb, dem KundenServiceZentrum der DB Cargo AG, sind in diesem Jahrgang 26 Kaufleute für Spedition und Logistikdienstleistung und eine Kauffrau für Digitalisierungsmanagement ausgebildet; hinzu kommt ein Dual Student. Ihnen wurden insgesamt zwei Übernahmeangebote gemacht, in Weil am Rhein und in Nürnberg. Kein Wunder also, dass sich die Kolleg:innen extern bewerben und ihr frisch erworbenes Wissen mitnehmen.
Julia Bahner ist (noch) Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) im Kunden-ServiceZentrum der DB Cargo AG. „Für einen Konzern, der sich immer damit rühmt, so sozial zu sein, wirkt das auf mich sehr unsozial“, bilanziert sie. „So etwas ist kein wertschätzender Umgang, wie er unter Bahnerinnen und Bahnern herrschen sollte.“
Eine Betriebsversammlung Anfang Mai nutzten sie und ihre Kolleg:innen aus der JAV für eine Protestaktion unter dem Motto „Ausgebildet. Ausgelernt. Ausgesondert.“ Sie entrollten ein Plakat und hielten eine kämpferische Rede. „Wir werden hier ausgebildet, gefördert, es wird viel Geld in uns investiert… und am Ende lässt man uns einfach fallen.
Deshalb nutzen wir jetzt diesen Moment, Damit wir nicht mehr übersehen werden können. Dass ihr uns nicht vergesst. Dafür werden wir die nächsten Tage auch noch sorgen.“
Der Zuspruch aus den Reihen der Beschäftigten war groß. Auch die Arbeitgebervertreter zeigten sich beeindruckt und versprachen, sich zu kümmern. Freilich beließ es die JAV nicht dabei. Sie wandte sich auch an die EVG und die imtakt-Redaktion. Anfang Mai erschien bereits ein erster Artikel auf der EVG-Homepage.
Einige Wochen später sprechen wir noch einmal mit Julia Bahner darüber, wie sich die Situation weiterentwickelt hat. Julia und ihre Kolleg:innen stehen Anfang Juli kurz vor ihren mündlichen Prüfungen. Wir erfahren, dass es im Mai und Juni noch mächtig rumort hat. Die Konzern-Jugend- und Auszubildendenvertertung (KJAV) hat sich eingeschaltet, ebenso der EVG-Vize Kristian Loroch. Der Artikel hat den Druck auf die Geschäftsführung ebenfalls erhöht. In der Woche vor den Prüfungen geschieht noch das Unerwartete: DB InfraGO und DB Fahrwegdienste melden sich mit insgesamt neun weiteren Übernahmeangeboten in Duisburg und Umgebung.
DB Zeitarbeit sagt zu, alle weiteren Auslernenden zu übernehmen und in andere Konzernunternehmen weiter zu vermitteln. Einige der Azubis, darunter Julia selbst, haben sich inzwischen selbst gekümmert und auch Jobs im DB Konzern gefunden. „Am Ende sind jetzt zwar nicht alle versorgt, aber ein Großteil“, sagt Julia zufrieden. „Wir gehen jetzt mit einem positiven Gefühl in die Prüfung“. Wenn auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge, denn der Azubi-Jahrgang wird sich in die verschiedensten Unternehmen verteilen. „Wir sind ja nicht nur Kolleg:innen, wir sind ja auch Freunde geworden. Dennoch bin ich froh, dass sich doch noch was getan hat und dass wir dazu beitragen konnten. Ich würde es jederzeit wieder so machen.“
Jugend- und Auszubildendenvertretung: Ausgelernt und ausgesondert? Nicht mit uns
Im Oktober werden die Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) gewählt. Wie gut es ist, eine starke JAV an der Seite zu haben – das erleben gerade die Azubis im 3. Ausbildungsjahr beim KundenServiceZentrum (KSZ) in Duisburg der DB Cargo AG.

Aktion bei einer Betriebsversammlung.