Zum Gedenken an Vater und Sohn Oskar Jetzschmann

Es gibt viele traurige Schicksale aus der NS-Zeit, die bis heute nur wenigen Leuten bekannt oder völlig in Vergessenheit geraten sind. Nicht selten hat das zufolge, dass wir nur noch wenig über diese Opfer der Nationalsozialisten wissen oder herausbekommen können. Zu ihnen zählt auch die Familie Jetzschmann, die zur damaligen Zeit in Hanau lebte.

Zweigeschossiges, hellgelbes Gebäude mit weißen Fensterrahmen und rotbraunen Fensterbänken. Entlang der linken Gebäudeseite stehen mehrere geparkte Autos auf einem gepflasterten und asphaltierten Parkplatz. An der rechten Gebäudeecke befindet sich ein Eingang mit einer kleinen Rampe und weißem Geländer. Das Gebäude wird von Tageslicht beleuchtet; im Hintergrund sind Bäume und ein blauer Himmel zu sehen.

Psychiatrisches Landeskrankenhaus Hadamar

Das Familienoberhaupt Friedrich Hermann Oskar Jetzschmann wurde am 13. September 1874 im brandenburgischen Dorf Wendisch-Drehna, bei Luckau, geboren. Über seine Eltern und seinen Werdegang ist nur wenig bekannt. Einem späteren Schreiben der Bundeseisenbahndirektion Frankfurt (Main) kann entnommen werden, dass ihn die Preußische Staatseisenbahn am 18.11.1897 in ihre Dienste aufnahm. Ein gutes Jahr später, am 10. Dezember 1898 heiratete er Luise Ullrich in Neunkirchen (Saar). In der Heiratsurkunde ist „Bahnschlosser“ als Beruf angegeben. 

Zum 1. August 1899 wurde Oskar Jetzschmann zum Lokheizer, am 1. August 1908 zum Lokführer befördert. Als dieser arbeitete er bis zum 1. März 1924, als ihn die Reichsbahnverwaltung zunächst in den Warte- und zweieinhalb Jahre später in den Ruhestand versetzte. Vermutlich war er zu diesem Zeitpunkt bereits politisch aktiv und engagierte sich beim DEV bzw. EdED sowie in der SPD. Schließlich stellte ihn der Einheitsverband der Eisenbahner ab 1928 als Geschäftsführer seiner Hanauer Ortsverwaltung ein. Diese Funktion übte er bis 1933 aus, als ihn die Nationalsozialisten infolge der Zerschlagung der Gewerkschaften entließen. Ob er sich bereits zu diesem Zeitpunkt am Widerstand gegen das Regime beteiligte, ist nicht bekannt.

Der spätere Hanauer Oberbürgermeister Karl Rehbein attestierte ihm später jedoch: „Jetzschmann war ein stets aufrechter Charakter und treuer Anhänger der Demokratie; deswegen wurde er von den Nazis verfolgt.“ Die Gestapo verhaftete ihn am 9. April 1936, vermutlich im Rahmen einer größeren Aktion gegen illegale SPD-Kader. Nur wenig Wochen später am 1. Mai 1936, morgens um 5:30 Uhr wird Jetzschmann tot in seiner Zelle aufgefunden – angebliche Todesursache: ein Schlaganfall. Auch wenn das aus medizinischer Sicht korrekt gewesen sein mag, unterstreicht die verbriefte Aussage mehrerer Mitgefangener, dass Jetzschmann die Folter- und Verhörmethoden der Gestapo nicht überstand und durch diese ermordet wurde: „Der Tod trat infolge der erlittenen Aufregungen und der fehlenden ärztlichen Betreuung ein.“

Oskar Jetzschmann hinterließ seine Ehefrau, zwei Söhne und eine Tochter, die zu diesem Zeitpunkt bereits alle volljährig waren. Eines der Kinder, der, offenbar nach seinem Vater benannte, gleichnamige Sohn, geboren am 4. April 1901 in Neunkirchen, befand sich zum Zeitpunkt der Ermordung seines Vaters in der Landesheil- und Pflegeanstalt Heina, wo er als Gärtnereigehilfe arbeitete. Über ihn ist noch weniger bekannt, als über seinen Vater – wenngleich sein Schicksal nicht weniger grausam ist. Am 30. April 1941 wurde seine Verlegung aus Heina veranlasst: in die Heilerziehungsanstalt Kalmenhof-Idstein. Ein Todesurteil.

Kalmenhof-Idstein fungierte zu diesem Zeitpunkt als „Zwischenanstalt“ für die Tötungsanstalt Hadamar. Einem der heute bekanntesten Verbrechensorte des „zentralen Euthanasieprogramms“, in dessen Rahmen die Nationalsozialisten ab September 1939 zehntausende Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen oder mit psychischen Erkrankungen systematisch ermordeten. Oskar Jetzschmann gelangte nachweislich am 26. Mai 1941 in einem Transport von Kalmenhof-Idstein nach Hadamar. Die Patientinnen und Patienten eines solchen Transports wurden in der Regel noch am Tag der Ankunft in die im Keller der Anstalt befindliche Gaskammer geschickt und ermordet. Das Verlegungsdatum nach Hadamar ist auch als Todesdatum anzusehen.

Wieviel Kontakt seine Mutter Luise Jetzschman oder seine Geschwister noch zu ihrem Sohn und Bruder hatten, ist nicht bekannt. Seinen Tod teilte ihnen das Standesamt Hadamar mit einem Schreiben vom 9. Juni 1941 mit. Darin heißt es: „Der Oskar Jetzschmann, Gärtnerlehrling, ledig, evangelisch, wohnhaft Hadamar b. Limburg/Lahn ist am 9. Juni 1941 um 4 Uhr 35 Minuten in der Wohnung verstorben. […] Todesursache: Akute Hirnschwellung.“

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