Warnstreik bei der Alstom Lokomotiven Service GmbH: „So sieht Solidarität aus“

Arbeitskampf bei Alstom in Stendal: Rund 80 % der Beschäftigten der Alstom Lokomotiven Service (ALS) haben am Montagfrüh die Arbeit niedergelegt. Der Warnstreik dauerte bis Dienstagfrüh. Die Beschäftigten fordern endlich die gleiche Entlohnung wie an den anderen Alstom-Standorten.

Mehrere Personen in orangefarbenen Warnwesten halten ein großes blau-weiß-rotes Banner. Auf dem Banner steht: „WARNSTREIK“, „Für faire Löhne und Gute Arbeit für alle Beschäftigten!“, „Wir leben Gemeinschaft“ sowie das Logo „EVG“. Daneben sind weiße Fahnen mit EVG-Aufdruck sichtbar. Im Hintergrund stehen Backsteingebäude.

Jan Melzer kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen während seiner Rede. „Der Arbeitgeber hat uns mitgeteilt, dass Streikaktivitäten auf dem Werksgelände nicht erwünscht sind“, sagt der EVG-Streikleiter. „Daraufhin haben wir ihm mitgeteilt, dass wir an Streikmaßnahmen auf dem Werksgelände auch gar nicht interessiert sind. Es ist für uns völlig in Ordnung, dass wir vor dem Werk stehen. Ein stiller Streik bringt gar nichts. Jeder soll mitbekommen, dass wir heute streiken.“

Wie zur Bestätigung hupt ein Lkw im Vorbeifahren, und so geht es den ganzen Vormittag weiter. Die Tangermünder Straße, an der das Werk von Alstom Lokomotiven Service steht, ist eine vielbefahrene Straße, und unentwegt wird im Vorbeifahren gehupt, Fahrradklingeln werden betätigt, Daumen aus PKW-Fenstern gereckt. „So sieht Solidarität aus“, freut sich Jan Melzer. Die Stendaler wissen, was sie an ihrem Werk und an den Beschäftigten hier haben.

„Ihr lebt Demokratie“, sagt Jan Melzer zu den rund 120 Kolleg:innen, die zur Streikkundgebung gekommen sind. „Nicht ich bin die Gewerkschaft, ihr seid die Gewerkschaft, und ihr nehmt den Kampf für euer berechtigten Forderungen in die eigenen Hände.“ 

Seit 5 Uhr morgens wird das Werk bestreikt. Von den rund 170 Beschäftigten sind am frühen Morgen an die 20 zur Arbeit erschienen, einige davon haben sich aber auch spontan dem Streik angeschlossen. Bis Dienstag um 6 Uhr dauert der Ausstand, 25 Stunden lang. Gestreikt wird auch an den Außenstandorten Chemnitz, wo ein einziger Beschäftigter zur Arbeit erschienen ist, und im baden-württembergischen Waibstadt. Besonders für den Bereich Chemnitz erwartet die EVG erhebliche Auswirkungen auf den S-Bahn-Verkehr, denn alle batteriebetriebenen S-Bahnen werden im dortigen Alstom-Werk gewartet. 

Auch die Landesvorsitzende der EVG in Sachsen-Anhalt, Janina Pfeiffer, ist aus Magdeburg in die Altmark gekommen, um die Grüße des Landesverbandes zu überbringen. „Ich bin megastolz auf euch“, sagt sie. „Unser Signal an den Arbeitgeber ist deutlich. Er muss endlich ein verhandlungs-fähiges Angebot auf den Tisch legen.“ 

Die EVG fordert 700 Euro mehr Brutto pro Monat. Der Arbeitgeber hat zuletzt 4,8% für drei Jahre geboten, will aber im Gegenzug das Weihnachtgeld streichen. Unter dem Strich und angesichts der derzeitigen Preisentwicklung bedeutet das eine Reallohnkürzung. „Dieses Angebot ist eine Frechheit“, sagt Jan Melzer kurz und bündig. 

Industrielackierer Manuel Neu kann das aus eigener Erfahrung nur unterstreichen. „Ich fahre jeden Tag 50 Kilometer hin und zurück zur Arbeit. Ein Bus fährt so früh noch nicht, ein Zug gar nicht. Die Spritkosten gehen durch die Decke und fressen immer mehr vom Einkommen auf. Unsere Löhne passen überhaupt nicht. Wir arbeiten genauso gut wie alle anderen und müssen auch genauso bezahlt werden.“ 

Zur Streikkundgebung ist auch politische Unterstützung gekommen: Wulf Gallert, lange Zeit Fraktionschef der Linken im Landtag und stellvertretender Landtagspräsident. „Niedriglöhne haben noch nie Arbeitsplätze gerettet. Ihr kämpft hier für den Eisenbahnstandort Stendal und die Qualität eurer Arbeit.“ Die Gesellschaft sei heute mehr denn je darauf angewiesen, „dass Menschen wie ihr für eine gute Mobilität arbeiten. Dafür müsst ihr auch ordentlich bezahlt werden.“

Und Solidarität sieht auch so aus wie die von Manfred Gruber. Er ist kürzlich nach 49 Jahren Arbeit bei Alstom in den Ruhestand gegangen und trotzdem heute Morgen hier. „ich war in der Tarifkommission und habe eigene Tarifrunden durch. Die Arbeitgeber jammern immer, dass sie kein Geld haben. Die in der Chefetage kriegen ihr Gehalt und ihre Boni, und unten bei den Leuten, die die Werte schaffen, kommt nüscht an. Ich wünsche den Kolleginnen und Kollegen hier viel Erfolg bei ihrem Arbeitskampf.“ 

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