Trotz des herbstlichen Wetters war die Beteiligung groß. Das Bayerische Viertel ist ein bedeutender Erinnerungsort. Zahlreiche Stolpersteine erinnern hier an ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner, die Opfer des NS-Regimes wurden. Einige dieser Stolpersteine wurden von EVG-Mitgliedern gespendet. Sie tragen damit ganz konkret dazu bei, die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus im öffentlichen Raum sichtbar zu halten.
Während des rund anderthalbstündigen Spaziergangs beschäftigten sich die Teilnehmenden nicht nur mit den einzelnen Schicksalen hinter den Stolpersteinen. Sie lasen auch die bekannten Schilder des Projekts „Orte des Erinnerns“, die im Bayerischen Viertel an die schrittweise Entrechtung der jüdischen Bevölkerung erinnern.
Berufsverbote, die Beschlagnahmung von Eigentum, die Einschränkung der Bewegungsfreiheit oder der Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben zeigen eindrücklich, dass Ausgrenzung und Verfolgung nicht plötzlich begannen. Sie entwickelten sich Schritt für Schritt und wurden von einer Gesellschaft ermöglicht, die wegschaute oder zustimmte.
Gerade deshalb ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte aktueller denn je. In einer Zeit, in der die AfD in mehreren Bundesländern erhebliche Wahlerfolge erzielt und rechte Positionen zunehmend gesellschaftliche Aufmerksamkeit erhalten, ist Erinnerungskultur keine rückwärtsgewandte Übung. Sie ist ein aktiver Beitrag zur Verteidigung von Demokratie, Menschenwürde und Solidarität. Wer die Geschichte kennt, erkennt schneller, wohin Ausgrenzung, Nationalismus und die Abwertung von Menschen führen können.
Für unsere EVG ist diese Arbeit Teil unseres Selbstverständnisses. Die Arbeiterbewegung gehörte zu den ersten Verfolgten des Nationalsozialismus. Gewerkschafter:innen wurden verfolgt, inhaftiert und ermordet. Die Zerschlagung freier Gewerkschaften war eine Voraussetzung dafür, dass das NS-Regime seine Herrschaft festigen konnte. Daraus erwächst für uns bis heute die Verantwortung, jeder Form von Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus entschieden entgegenzutreten.
Vor diesem Hintergrund sind auch aktuelle Debatten um die Erinnerungskultur von großer Bedeutung. So sorgte zuletzt die Entscheidung in Bayern gegen die Verlegung weiterer Stolpersteine erneut für Diskussionen. Die Frage, wie und wo an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert wird, ist keine Nebensächlichkeit. Sie berührt den Kern unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Die EVG steht dabei klar auf der Seite einer lebendigen und sichtbaren Erinnerungskultur. Stolpersteine holen die Geschichte aus Museen und Archiven zurück auf die Straßen und Plätze unserer Städte. Sie erinnern dort, wo Menschen gelebt haben, an ihre Namen, ihre Geschichten und ihr Schicksal.
Der gemeinsame Spaziergang der EVG-Frauen und der EVG-Jugend hat deshalb weit mehr bewirkt als die Reinigung einiger Messingtafeln. Er war ein sichtbares Zeichen dafür, dass Erinnern und gesellschaftliches Engagement zusammengehören. Die zahlreichen Gespräche zeigten, wie groß das Interesse an historischer Bildung und politischer Auseinandersetzung ist. Beim anschließenden Ausklang im Café Haberland wurde schnell deutlich: Dieses Format soll keine einmalige Aktion bleiben.
Denn Demokratie ist nicht selbstverständlich. Sie muss jeden Tag verteidigt werden. Wer Stolpersteine putzt, entfernt nicht nur Schmutz von Messingplatten. Er trägt dazu bei, dass die Erinnerung an die Folgen von Hass, Ausgrenzung und rechter Ideologie lebendig bleibt. Gerade in den heutigen Zeiten ist das wichtiger denn je.
Stolpersteine putzen: Erinnerung bewahren, Haltung zeigen
Mit Schwämmen, Putztüchern und Reinigungsmitteln ausgestattet trafen sich Mitglieder der EVG zu einem besonderen Stolpersteinspaziergang im Bayerischen Viertel Berlins. Eingeladen hatten die EVG-Frauen und die EVG-Jugend. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg, Stolpersteine zu reinigen und sich mit der Geschichte der Menschen auseinanderzusetzen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, entrechtet und ermordet wurden.


