Wo genau sich dieser Ort befindet, muss allerdings geheim bleiben: Denn es ging in das Sicherheitszentrum Bahn. Hier überwacht man die kritische Infrastruktur und muss jederzeit handlungsfähig sein.
Im Sicherheitszentrum, das vor über 25 Jahren eingerichtet wurde, arbeiten die Kolleginnen und Kollegen der DB-Konzernsicherheit Schulter an Schulter mit der Bundespolizei. Eine Zusammenarbeit, die funktioniert, wie die Beschäftigten mehrfach betonen. Die Wege sind kurz, man sitzt zusammen und kann vieles durch einen einfachen Zuruf klären. Vor allem aber kann schnell koordiniert werden. Das hat das Sicherheitszentrum auch bei mehreren Großlagen wie der Fußball-Europameisterschaft 2024 oder der Corona-Pandemie unter Beweis gestellt, als dafür gesorgt wurde, dass jederzeit die richtigen Stellen mit den relevanten Informationen versorgt wurden und Entscheidungen getroffen werden konnten.
Hier weiß man bei Schichtbeginn nie, wie der Arbeitstag ablaufen wird, denn Krisen sind nicht planbar. Eines aber ist immer sicher: Die Frauen und Männer vom Sicherheitszentrum haben an 24 Stunden am Tag und an 365 Tagen im Jahr die Lage im Blick und vor allem im Griff.
Sommertour: „Hier weiß man bei Schichtbeginn nie, wie der Arbeitstag ablaufen wird“
Am großen Bildschirm hinter dem Schichtführer laufen die aktuellen Meldungen zusammen: drei Personenunfälle, dazu noch ein Unfall, bei dem Gefahrgut ausgetreten ist. Rechts an der Wand mehrere Bildschirme, auf denen durchgehend deutsche und internationale Nachrichtensender laufen. Dazwischen zwei Kollegen, die konzentriert an ihren Rechnern arbeiten. Die letzte Station der Sommertour des EVG-Chefs Martin Burkert ist ein besonderer Ort in der Bahn-Welt.

Cottbus: Eisenbahnerstadt mit Zukunft
Wer am Cottbuser Hauptbahnhof ankommt, merkt schnell: Hier schlägt das Herz der Eisenbahn. Ob Sozialpartner, Knappschaft-Bahn-See, Bahn-Landwirtschaft, Instandhaltungswerke oder die DB Bahnbau, die Eisenbahn prägt die Stadt bis heute. Mitten im Zentrum entsteht zudem mit dem Neuen Werk Cottbus eines der modernsten Bahnwerke Europas.
Im Rahmen seiner Sommertour machte sich EVG-Vorsitzender Martin Burkert gemeinsam mit der örtlichen EVG-Betriebsgruppe ein Bild vom aktuellen Baufortschritt. Für Carsten Burmeister, Gesamtprojektleiter des Neuen Werks Cottbus, ist die Entwicklung beeindruckend: „Wir zeigen hier, dass Bahn pünktlich ist.“ Bereits im kommenden Jahr soll die Produktion anlaufen, zunächst in einem zweimonatigen Testbetrieb und anschließend im Regelbetrieb.
Die Dimensionen der neuen Werkshallen sind beeindruckend. Moderne Technik und innovative Bauweisen ermöglichen künftig eine deutlich effizientere Instandhaltung von ICE-Zügen. Anders als bisher müssen einzelne Wagen nicht mehr aufwendig voneinander getrennt werden. Ganze Züge können in die Hallen einfahren und dort gezielt überholt werden. Dadurch verkürzt sich die Aufenthaltsdauer eines Zuges auf lediglich zwölf Tage. Damit setzt Cottbus bei der schweren Instandhaltung von ICE-Zügen neue Maßstäbe.
Doch hinter dem Erfolg stehen vor allem die Menschen. Viele Beschäftigte verbinden mit der Eisenbahn eine Familiengeschichte, die über Generationen hinweg reicht. Das Motto „Einmal Eisenbahner, immer Eisenbahner“ ist hier gelebte Realität. Im Austausch mit der EVG-Betriebsgruppe wurde dieser besondere Eisenbahnerstolz schnell sichtbar. So arbeiten etwa Sahra und Angela Zeptner als Mutter und Tochter im Werk. Auch Martin Weinlaub führt eine Familientradition fort: Seit 2008 arbeitet er im Betrieb und tritt damit in die Fußstapfen seines Vaters, der zuvor 45 Jahre dort beschäftigt war.
Dass die Entwicklung keineswegs selbstverständlich ist, erinnerte Andreas Lehmann, langjähriger Betriebsratsvorsitzender des Werks. „Es war nicht immer rosig“, berichtete er. Über viele Jahre hinweg fehlten jungen Menschen in Cottbus Perspektiven, zahlreiche Nachwuchskräfte mussten für ihre berufliche Zukunft andere Standorte wie Krefeld wählen. Heute hat sich das Bild gewandelt. Allein rund 240 junge Menschen werden derzeit am Standort ausgebildet. Für die Region ist das ein deutliches Signal: Die Eisenbahn hat in Cottbus Zukunft.
Trotz der positiven Entwicklung blicken viele Beschäftigte derzeit mit Sorge auf die aktuelle Auslastungssituation. „Aktuell laufen wir unter unseren Möglichkeiten. Wenn wir könnten, würden wir hier noch mehr schaffen“, erklärte Mike Nielbock, Vorsitzender der EVG-Betriebsgruppe. Auch Martin Burkert zeigte sich besorgt. Politik und Bahnvorstand hätten mit dem Ausbau des Werks große Erwartungen an den Strukturwandel in der Lausitz geweckt. Rund 1.200 neue Arbeitsplätze seien angekündigt worden. Von diesem Ziel sei der Standort bislang noch ein gutes Stück entfernt.
Dabei wurde das Werk unter der Prämisse eines wachsenden Fernverkehrs errichtet. Die Investitionssumme von rund einer Milliarde Euro stammt aus Eigenmitteln der Deutschen Bahn und muss langfristig refinanziert werden. Ursprünglich war vorgesehen, den Standort über Mittel der Strukturförderung zu finanzieren. Doch EU-Wettbewerbsvorgaben machten dieser Planung offenbar einen Strich durch die Rechnung.
Mit Blick auf die Zukunft sieht Burkert zusätzliche Herausforderungen. Insbesondere die Entwicklung des Fernverkehrsmarktes bereitet ihm Sorgen. Durch einen ungeregelten Wettbewerb würden neue Anbieter vor allem wirtschaftlich attraktive Strecken übernehmen, während die Deutsche Bahn weiterhin weniger rentable Verbindungen bedienen müsse. Dies gefährde langfristig die wirtschaftliche Grundlage des Fernverkehrs und damit auch die Auslastung der Instandhaltungswerke.
„Es ist doch aberwitzig, dass hier eine Milliarde Euro in den Standort Cottbus investiert wird, die Politik aber gleichzeitig mit einem ungeregelten Wettbewerb im Fernverkehr gute Arbeit im Werk gefährdet“, machte Burkert deutlich.
Dennoch überwog am Ende des Besuchs der Optimismus. Für den EVG-Vorsitzenden spricht vieles für eine erfolgreiche Zukunft des Standorts. Besonders beeindruckt zeigte er sich vom starken Zusammenhalt der Belegschaft und dem hohen Organisationsgrad der EVG.
Dass Gemeinschaft bei der EVG in Cottbus weit über den Arbeitsplatz hinausgeht, zeigte sich auch zum Abschluss des Tages. „Wir sehen uns am Samstag im Stadion“, verabschiedeten sich Kolleginnen und Kollegen. Die Antwort kam prompt: „Nein, heute schon beim EVG-Bowlingabend.“
Sommertour in Cottbus
Sommertour Woche 2: „Guter Eindruck“ aus Wittenberge
Zweite Woche der Sommertour des EVG-Vorsitzenden Martin Burkert. Sie führt durch die Bundesländer Berlin und Brandenburg. Den Auftakt machte am Dienstag ein Besuch im Werk Wittenberge der DB Fahrzeuginstandhaltung.
„Wir sind ein Projektewerk“, sagt Lars Lemm zusammenfassend. „Was wir brauchen, sind Projekte, die uns die nötige Auslastung bringen.“ Und, schiebt der Betriebsratsvorsitzende hinterher, ein paar Investitionen.“
Mit 150 Jahren Geschichte und rund 860 Mitarbeitenden ist Wittenberge einer der ältesten und größten Standorte der DB FZI. Die großen Überschriften hier lauten „Kompetenzzentrum für Reisezugwagen“ und „Komponentenaufbereitung“. Was immer in Reisezugwagen abgenutzt, verschlissen oder sonstwie reparaturbedürftig ist, Radsätze, Bremsen, Sitze oder sanitäre Anlagen, wird hier repariert und aufpoliert und kommt wie neu wieder zum Kunden zurück. Auf den ersten Blick ist nicht zu erraten, dass sich hinter den teils historisch anmutenden riesigen Werkshallen aus rotem Backstein auch einige Spezialwerkstätten verbergen. Beispiel: die Polsterwerkstatt. Wer in einem Zug der DB Fernverkehr Platz nimmt, weiß nicht, ob sein wie neu aussehender Sitz eventuell in Wittenberge im Sinne des Wortes aufgemöbelt worden ist. Denn abgenutzte Sitze werden hier neu gepolstert.
Von einer „anspruchsvollen Arbeit“ spricht der BR-Vorsitzende Lars Lemm beim Rundgang, schließlich muss z.B. das Muster des Bezugs schnurgerade sein und dafür muss jeder Handgriff sitzen. Nicht minder anspruchsvoll ist die Arbeit gleich nebenan, in der Integrationswerkstatt. Hier werden Zugtoiletten auseinandergenommen, repariert und gewartet. Es wird sichtbar, wieviel Technik, Mechanik und Hydraulik und inzwischen auch digitale Elemente selbst in einem so lapidar anmutenden Gegenstand wie in einer Zugtoilette steckt. „Die Arbeit im Werk ist körperlich anstrengend. Wer da aus irgendwelchen Gründen nicht mehr mithalten kann, findet hier in der Integrationswerkstatt eine sinnvolle Weiterbeschäftigung.“ So sind hier auch die Arbeitsplätze entsprechend ausgestattet, dass sie auch für Beschäftigte mit körperlichen Einschränkungen geeignet sind.
Zwischenzeitlich hat die Kantine den Grill angeworfen und es werden knusprige Bratwürste ausgegeben. Dafür haben sich zahlreiche Kolleg:innen eingefunden.
Und die Investitionen? Da fallen Lars und seinen Betriebsratskollege vor allem zwei ein: das Dach der großen Halle zuerst. Die hölzern-gläserne Konstruktion muss dringend erneuert werden. Und: Strahlkammern, in denen Werkstücke sandbestrahlen kann. Waren schon mal da, wurden abgeschafft, jetzt bräuchte man sie wieder und muss die Leistung extern einkaufen. Martin Burkert bittet um eine Info per E-Mail. „Einen guten Eindruck“ nimmt der EVG-Vorsitzende von diesem Betriebsbesuch mit. Und das mit den Investitionen wird er an anderer Stelle ansprechen.
Sommertour Tag 6
Tag 5: „Nur Nebraska ist größer“
Der letzte Tag der ersten Sommertourwoche hält noch einmal ein Highlight parat. Wir besuchen den größten Standort des DB Cargo AG, den Rangierbahnhof in Maschen südlich von Hamburg.
Das kann man mal einen Ausblick nennen! Betriebsrat Mike Strümper hat uns auf die Dachterrasse des Verwaltungsgebäudes im Rangierbahnhof Maschen geführt. Bei klarem Wetter, und an diesem Freitagmorgen haben wir solches, kann man am Horizont das fast 18 Kilometer entfernte Zentrum von Hamburg sehen. Die Maße des Rangierbahnhofs sind beeindruckend: 7 Kilometer lang, 700 Meter breit. Auch sonst scheinen die Planer und Erbauer der Anlage ein Faible für die Zahl 7 gehabt zu haben, denn eröffnet wurde sie am 7. 7. 1977.
Seitdem fungiert sie als Drehkreuz der Hafen-Hinterland-Verkehre. Maschen, so erläutert Mike Strümper, ist der größte Rangierbahnhof Europas, und der zweitgrößte weltweit. „Nur Nebraska ist größer.“ Von der Dachterrasse aus bietet die Anlage einen beeindruckenden Anblick, zahllose rote Loks und Waggons in allen Farben stehen auf ebenso zahllosen Gleisen und warten auf Beladung und Einsatz. Und so ist Maschen unter Eisenbahnern auch als der Bahnhof der drei Meere bekannt: Bei Tag ein Gleismeer, bei Nacht ein Lichtermeer, bei Nebel siehst du gar nichts mehr.
„Pommes?“ „Aber sowas von!“ Ein typischer Dialog an diesem Vormittag. Die Betriebsgruppe hat im Casino frische Fritten bestellt; Bundesvorstandsmitglied Stefan Barg hat sich für heute Zeit genommen und teilt eine Portion nach der anderen aus. Rangierarbeit und Arbeit in der Lokwerkstatt machen hungrig. Schnell kommen wir auch hier ins Gespräch, die Themen ähneln sich mit denen der anderen besuchten Betriebe, ein weiteres kommt aber hinzu: Die Zukunft des Standortes. DB Cargo befindet sich mitten in einem grundlegenden Sanierungsprozess; die EU-Kommission verlangt, dass die Güterverkehrssparte der DB in die Gewinnzone steuert.
Die neue Unternehmensführung hat umfangreichen Stellenabbau angekündigt, und schon jetzt beobachtet Betriebsgruppen-Vorsitzender Sven Wulff. „Jedes Mal, wenn Airbus neue Stellen ausschreibt, bewerben sich unsere Handwerker weg.“ Und Betriebsrat Mike Strümper hofft, dass seine finstere Warnung nicht eintrifft: „Ohne Maschen stirbt der Hafen, und ohne den Hafen stirbt die Stadt.“
Doch so negativ wollen wir nicht enden. Eine alte Rangierlok wird hervorgeholt, und der EVG-Vorsitzende unternimmt noch eine Rundtour über die Anlage. Martin zieht eine positive Bilanz der ersten Sommertour-Woche 2026. Viele Beschäftigte, EVG-Mitglieder oder nicht, haben in den verschiedenen Betrieben das Gespräch gesucht, das Forma wird offenbar angenommen. Überall gibt es Probleme, aber überall ist auch der Wille zu spüren, den gegenwärtigen Zustand der Bahn nicht hinzunehmen, sondern verbessern zu wollen. Eisenbahner:innen wollen wieder stolz sein auf die Bahn.
In Hamburg sagt man „Tschüs“, und das sagen auch wir. Die erste Woche der Sommertour ist rum, nächste Woche geht es in Brandenburg und Berlin weiter.
Sommertour Tag 5
Tag 4: „Wir machen nur noch Feuerwehr“
Wir kommen schnell ins Gespräch über die aktuellen Themen der Kolleg:innen. Gerade bei der InfraGO spielen Eingruppierungsfragen eine große Rolle. Aber natürlich ist auch die Personalsituation ein Dauerthema. „Einerseits haben wir genug Fahrdienstleiter, andererseits sind Stellwerke unbesetzt“, beschreibt ein Kollege die vertrackte Situation.
Nach und nach gesellen sich andere Kolleg:innen dazu, die sich das von der Betriebsgruppe spendierte Eis holen und die Gelegenheit nutzen, mit Martin ins Gespräch zu kommen. „Gut, Martin mal persönlich kennenzulernen. Aus der Zeitung kennt man ihn ja.“ Dabei kommt auch immer wieder die herausfordernde Situation der Infrastruktur zur Sprache. „Langfristige Planung ist kaum noch möglich“, sagt ein Kollege aus der Instandhaltung. „Wir machen nur noch Feuerwehr.“ Allseits kommt in den Gesprächen zum Ausdruck, dass die Eisenbahner:innen die allerersten sind, die unter der derzeitigen Performance der Eisenbahn leiden.
Regen? Von wegen! Zwar haben alle Wetter-Apps genau für die Mittagsstunden ziemlich feuchte Luft angekündigt, tatsächlich aber herrscht bestes Sommerwetter, als wir uns verabschieden und aufs Fahrrad schwingen, auf zur zweiten Station des Tages, 11 Kilometer nach Hamburg-Ohlsdorf. Dort hat die S-Bahn Hamburg ihre Werkstatt. Die Züge werden hier betriebsnah instandgehalten, repariert und gewartet. Wir riechen typische Werkstattluft, die Hallen wirken aber hell, sauber, gut sortiert.
Gleich zu Beginn des Rundgangs treffen wir einen besonderen Kollegen: Christian Martyn ist genau gestern in die EVG eingetreten. Bei seinem vorherigen Arbeitgeber, dem Logistik- und Waggonunternehmen VTG, hatte er zwar guten Kontakt zum Betriebsrat, eine gewerkschaftliche Vertretung habe es allerdings nicht gegeben. Bei seinem kürzlichen Wechsel zur S-Bahn Hamburg sei für ihn klar gewesen, dass er in die EVG eintritt. „Ich finde es gut und wichtig, dass es eine Kraft gibt, die sich für die Beschäftigten einsetzt und ich möchte dabei sein.“ Christian hat die Tarifverträge von EVG und GDL verglichen und sich dann schnell für die EVG entschieden. „Das Wahlmodell mit 12 Tagen Urlaub und die Leistungen des Fonds soziale Sicherung sind schon wirklich echte Vorteile.“
Für den Nachmittag hat die Betriebsgruppe zum Grillen eingeladen und nach und nach und nach finden sich die Kolleg:innen auf dem Hof ein. Der stellvertretende Betriebsgruppenvorsitzende Jens Wolf freut sich über den Zuspruch. „Es ist ein echtes Highlight für uns, dass Martin Burkert uns besucht. Und es freut mich, dass viele unserer Kolleg:innen auch die Gelegenheit nutzen, um dem EVG-Vorsitzenden mal die Hand zu schütteln.“
Und noch eine andere Gelegenheit wird genutzt: Die EVG-Betriebsgruppe zurrt ihre Liste für die JAV-Wahlen fest. Neun Kandidierende, darunter vier Frauen – auch hier hat Martin lobende Worte parat: „Ihr seid die Zukunft der Gewerkschaft. Viele Gewerkschaftssekretär:innen, viele gestandene Betriebsräte haben in der Jugendarbeit begonnen. Und auch hier bei euch spüre ich viel Willen, etwas bewegen und verändern zu wollen. Danke für euer Engagement!“ Na, wenn das kein Rückenwind für die JAV-Wahlen ist! Wir drücken schon jetzt die Daumen.
Sommertour Tag 4
Tag 3 : Blicke ins Innenleben und Eis bei Flutlicht
Dritter Tag und damit Bergfest der ersten Sommertourwoche. Haben wir gestern in Neumünster viel Tradition und Geschichte zu sehen bekommen, so blicken wir heute, wortwörtlich, ins Innenleben der aktuellsten und gegenwärtigen Phase des Schienenverkehrs in Deutschland: im ICE-Werk Hamburg Eidelstedt.
Eigentlich ist auch dieser Standort über 100 Jahre alt: Seit 1922 gab es hier ein Ausbesserungswerk für Güterzuglokomotiven. 1991 wurde das heutige Werk speziell für den Hochgeschwindigkeitsverkehr eröffnet. Und auch diese Phase hat ja schon mehrere Generationen: Ice-1 bis -4, T, TD, neo … alle stehen sie hier nebeneinander in der riesigen Halle. 165 Meter breit ist sie und 400 Meter lang. Für alle aber gilt: „Kommt rein, wird repariert, feddich“, so bringt es Jan Unger auf den Punkt, Sprecher der Teilbetriebsgruppe, der uns durch das Werk führt und dem die Begeisterung für seine Arbeit anzumerken ist.
Die verschiedenen Baureihen unterscheiden sich in vielen technischen Details. Jeder Handgriff muss sitzen. Erneut bekommen wir einen Einblick in die enorme Vielzahl von technischen Komponenten und damit verbunden die enorme Vielzahl von Arbeitsschritten, die dazu führen, dass den ICE-Fahrgästen im Idealfall ein komfortables, schnelles, angenehmes Reiseerlebnis geboten wird.
Jede Schicht ist eine Wundertüte, sagt uns ein junger Facharbeiter. „Ich weiß am Beginn einer Schicht nicht, was mich erwartet. Aber das ist auch gut so. Es ist immer abwechslungsreich.“ Der Elektriker hat vorher in einem völlig anderen Bereich gearbeitet, der Produktion von Schaltschränken, und bereut es keine Sekunde, zur Bahn gewechselt zu sein. „Hier sehe ich am Ende jeder Schicht, was ich geschafft habe.“
Die Besonderheit im Werk Eidelstedt: Die Hauptlast liegt in den Nachtstunden – denn dann werden die ICE, deren Fahrt abends in Hamburg endet, ins Werk gebracht, um über Nacht gewartet zu werden. Zahlreiche Kollegen arbeiten deshalb auch in der sog. Dauernacht- heißt, sie arbeiten ausschließlich Nachtschicht. Ein spezielles Arbeitszeitmodell, das die EVG mit ihrem TV Express tarifiert hat.
Um möglichst viele Kolleg:innen zu treffen, konzentrieren wir uns an diesem Tag daher auf diesen Standort. Ab dem späten Vormittag gibt die EVG-Betriebsgruppe leckere Würste und leckeres Eis aus – und auch abends, zum Schichtwechsel, kommt der Eiswagen noch mal vorbei.
Betriebsgruppenvorsitzender Christian Klinge freut sich über den großen Zuspruch. „Martin nimmt sich hier viel Zeit und führt viele Gespräche.“ Dabei ist die BG der DB Fernverkehr Hamburg mehrfach im Jahr hier mit Bratwürsten, Eis oder Waffeln präsent. „Wir kommen nicht nur vor den Wahlen, oder anders gesagt: Nach den Wahlen ist vor den Wahlen.“ Rund 50 Kolleg:innen hat die Betriebsgruppe, „und da hat jede und jeder seine Aufgabe – so funktioniert das.“
Ein spannender und lehrreicher Tag in Hamburg-Eidelstedt. Den nächsten ICE, den wir für eine Reise betreten, werden wir mit anderen Augen betrachten.
Sommertour Tag 3
Sommertour Tag 2: Zukunft in der alten Schmiede und viel Herzblut
Moin aus Neumünster. Nach einer weiteren Rad-Etappe nimmt uns Kristian Huß auf dem Hof des Werks Neumünster der DB Fahrzeuginstandhaltung in Empfang. So viel Tradition ist selten: Von den 191 Jahren des Eisenbahnzeitalters in Deutschland hat Neumünster satte 165 Jahre mitgemacht. Unser Besuch wird uns aber zeigen: Hier wird nicht nur Tradition gepflegt, sondern auch intensiv nach vorne geschaut.
Zunächst aber steht ein Meinungsaustausch mit der EVG-Betriebsgruppe auf dem Programm. Ein Thema natürlich: die Zukunft der Werke. Bis Ende 2027, darauf weist Martin Burkert hin, sind alle Standorte der DB Fahrzeuginstandhaltung (FZI) gesichert. Dann wird aber möglicherweise ein neues Werkekonzept erforderlich. Denn der anstehende Einstieg von Italo in den deutschen Fernverkehrsmarkt kann sich auch in den Werken bemerkbar machen: Italo will seine Züge bei Siemens warten lassen. Kristian Huß, neu gewählter Betriebsratsvorsitzender, stimmt der Diagnose zu: „Bis zu 40 Prozent weniger DB Fernverkehr kann auch bis zu 40 Prozent weniger Aufträge bei der FZI bedeuten, das sollten auch die Politiker bedenken.“
Neue Kunden müssen also her, und da würden sich vielen Kolleg:innen z.B. auf Züge aus Skandinavien freuen. „Wenn es heißt, es kommt was Neues und das wird schwierig, breitet sich bei vielen ein Lächeln auf dem Gesicht aus, als wollten sie sagen: das wollen wir doch erstmal sehen“, sagt Kristian und spekuliert: „Könnte man die Elbe nach Neumünster umleiten, würden unsere Leute auch Schiffe reparieren. Auch Kreuzfahrtschiffe brauchen schließlich Kühlschränke und Kaffeemaschinen.“ Der Sinn dieser Andeutung wird sich im Laufe des Rundgangs durch die Werkshallen enthüllen.
Ein weiteres Thema liegt Kristian Huß sehr am Herzen: Sicherheit. Und der konkrete Grund wird uns gleich zu Beginn des Rundgangs deutlich. In der Ausbildungswerkstatt erinnert ein Bild an Danny Preuße. Im Januar 2023 wurde der damals 19jährige Auszubildende bei einem Messerangriff auf dem Bahnhof Brokstedt getötet. „Viele von uns kommen mit der Bahn zur Arbeit. Jeden Tag kann etwas passieren. Deshalb unterstützen wir voll und ganz, wie sich die EVG für mehr Sicherheit einsetzt.“
Der Rundgang durch die Hallen offenbart erstaunliches. So also sehen völlig entkernte Züge aus. Züge der DB Regio sind bis auf die nackte Hülle ausgeräumt, um gründlich durchrepariert zu werden. Auch die Schweizer Bundesbahnen SBB lassen gerne hier arbeiten, und probeweise stehen sogar die ersten Züge von Flixtrain hier. Erstaunliches sehen wir auch in dem Nebengebäude mit der Aufschrift „Alte Schmiede“. Wo früher hitzig und laut mit glühendem Eisen gearbeitet wurde, sirren heute eine Reihe 3-D-Drucker vor sich hin und produzieren Ersatzteile, die nicht mehr lieferbar sind, wie z.B. Leselampenhalter für Regio-Züge oder Milchpumpen für die Kaffeemaschinen der ICE-Bordbistros.
Das führt uns allmählich zu einem echten Schmuckstück des Werkes: der Küchengerätewerkstatt. Denn was in den Bordbistros an technischen Gerätschaften eingesetzt wird, muss ebenso regelmäßig gewartet und repariert werden, Steamer, Kaffeemaschinen, Geschirrspüler. Hier treffen wir Yvonne Woebcke, die in ihrer Arbeit aufgeht. „Manche Maschine entkernen wir hier völlig und bauen sie hier völlig neu wieder auf.“ Sie verrät uns einen Fun Fact: „Meine Frau arbeitet in der Bordgastronomie und so können wir uns immer über die Gerätschaften austauschen: sie über die Funktionsweise und ich über das Innenleben.“ Eisenbahnerfamilie pur: „Die Kolleg:innen in der Bordgasto verdiene ohne uns kein Geld und wir nicht ohne sie. So greift bei der Bahn alles ineinander.“
Wir schwingen uns wieder auf die Sättel und steuern die zweite Station des Tages an: DB InfraGO Schleswig-Holstein, Standort Neumünster. Es ist 14 Uhr und die Kollegen (und eine Kollegin) kommen aus dem Außendienst in den Gleisen zurück: Oberleitungen sind zu reparieren, Sicherungstechnik, Weichenheizungen müssen bereits jetzt auf den Winter vorbereitet werden. Die Kolleg:innen aus der EVG-Geschäftsstelle Kiel haben den Grill angeworfen und bei Bratwürsten und Grillkäse kommt man schnell miteinander und mit dem EVG-Vorsitzenden ins Gespräch. Die allermeisten Themen sind tariflicher Art. Eingruppierungsfragen, inwiefern lohnen sich Weiterqualifizierungen etc. In einer kurzen Ansprache geht Martin Burkert erneut auf die Finanzierung der Infrastruktur ein, denn schließlich sind es genau diese Kolleg:innen, die täglich mit dem Zustand derselben zu tun haben. „Wir sollen 100 Milliarden aus dem Sondervermögen bekommen, aber das reicht nicht. Die Infrastruktur ist zehn Jahre lang kaputtgespart worden.“
Henri Krause freut sich über den Zuspruch zu der Veranstaltung. „Der EVG-Vorsitzende zieht offenbar.“ Der Vorsitzende der EVG-Betriebsgruppe organisiert das ganze Jahr über Veranstaltungen, seien es Infotage, Grünkohlessen, Kanufahrten in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch Sprechstunden z.B. mit dem Versichertensprecher Ralph Borkowski. „Wir haben einen hohen Organisationsgrad und der muss verteidigt werden“, sagt Henri Krause. „Das erledigt sich nicht von allein. Es bedeutet viel Vor-Ort-sein, viele Einzelgespräche.“ Die Frage nach seiner Motivation beantwortet Henri norddeutsch-knapp: „Herzblut.“
Ein spannender Tag im Norden geht zu Ende. Die Sommertour wird am Mittwoch in Hamburg fortgesetzt.
Sommertour Tag 2
Tag 1: Kollegiale Konkurrenz kurz vor dem Urlaubsparadies
Im vierten Jahr in Folge geht Martin Burkert auf Sommertour. Unter dem Motto „Kollegen besuchen Kollegen“ bereist der EVG-Vorsitzende verschiedene Betriebe in unserem Organisationsbereich. Die Wege dazwischen werden nachhaltig und ökologisch zurückgelegt: per Bahn und Fahrrad. Ein straffes Programm gibt es auch dieses Jahr: zwei Wochen, fünf Bundesländer, 16 Betriebe. Los geht’s diesmal im hohen Norden.
In Schleswig-Holstein sagt man „Moin“, und dies zu jeder Tages- und Nachtzeit. An diesem Montagmorgen passt es natürlich besonders, und so empfängt uns auch Jan-Hendrik Reimer mit einem kräftigen Moin. Wir treffen uns am Terminal des Sylt-Shuttles der DB Fernverkehr. Von kurz nach 5 Uhr morgens bis nach 23 Uhr werden von hier Urlauber, aber auch Berufspendler, und natürlich jede Menge Güter auf die beliebte Ferieninsel befördert. Denn eine „echte“ Straßenverbindung“ gibt es nach wie vor nicht; es geht seit 1927, ob Pkw, Wohnmobil, Motorrad oder Lkw, über, er heißt tatsächlich immer noch so, den Hindenburgdamm, und dies huckepack auf dem Zug.
Der Betriebsratsvorsitzende Jan-Hendrik Reimer führt uns bis vor ans Gleis, wo die Fahrzeuge auf den Zug verladen werden. Auch dort begrüßt uns vielstimmiges „Moin“, doch gut gelaunt sind heute Morgen nicht alle. Es gibt Probleme beim Beladen eines Lkw. Der riesige Sattelschlepper kann nicht ordnungsgemäß befestigt werden. Ein Sicherheitsrisiko, das die Beschäftigten des Sylt Shuttle nicht hinnehmen. Es folgt ein heftiger Wortwechsel mit dem Lkw-Fahrer, aber es nützt nichts, der Sattelschlepper muss wieder runter vom Zug.
Vorgänge wie dieser sind Sand im Getriebe. Der Fahrplan ist eng getaktet; 30 Minuten Zeit bleiben, um einen kompletten Autozug zu entladen und wieder zu beladen. „Die Kolleg:innen hier sind diejenigen, die am meisten Stress mit den Passagieren haben“, sagt Jan-Hendrik. Stress 11 Kilometer vor dem Urlaubsparadies? „Es geht oft schon damit los, ob man für die Überfahrt einen Platz auf der oberen oder der unteren Ebene angewiesen bekommt“, grinst Jan-Hendrik. „Und an heißen Tagen ist es am schlimmsten.“
Eine gute halbe Stunde dauert die Fahrt, 6-700 Anmeldungen gibt es pro Tag, einige hundert Pkw kommen auch unangemeldet. Ein lukratives Geschäft; so lukrativ, dass sich auch das US-amerikanische Eisenbahnunternehmen RDC mit seiner deutschen Tochter Trassen gesichert hat. Der motorisierten Sylt-Besucher kann sich schon bei der Anfahrt zwischen dem roten und dem blauen Shuttle entscheiden. „70:30“ zugunsten der DB schätzt Jan-Hendrik Reimer die Verteilung der Kund:innen und spricht von einer „kollegialen Konkurrenz“ zwischen den beiden Unternehmen. „Wir kommen miteinander klar.“
RDC begegnet uns auch bei der zweiten Station des Tages, der Norddeutschen Eisenbahn-gesellschaft Niebüll, neg. RDC ist hier Mehrheitseigner. Die neg ist ein integrierter Konzern im Kleinen, sie betreibt SPNV zwischen Niebüll, Dagebüll und dem dänischen Töndern, betreibt etwas Infrastruktur und auch eigene Werkstätten, dies alles mit rund 140 Beschäftigten. IN zurückliegenden Tarifkonflikten haben sich die neg-Kolleg:innen als außerordentlich streikbereit gezeigt.
Vielstimmiges Moin auch hier. Betriebsratsvorsitzende Oliver Glaewe begrüßt uns als spezielle Gäste zu einer Betriebsversammlung. Martin Burkert ergreift die Gelegenheit, um eine Palette an aktuellen Themen anzusprechen. Der neue Bundesverkehrsminister Steffen Bilger habe einiges zu tun, allem voran die Sanierung der Infrastruktur. „Wir brauchen für den Erhalt der Verkehrs-infrastruktur in Deutschland jeden Tag eine Milliarde Euro – Schiene, Straßen, Binnenschifffahrt.“ Alleine die Schiene benötige 150 Milliarden Euro, „nur um nicht weiter zu altern: von Verjüngung rede ich da noch gar nicht.“ Größte Achillesferse seien die Brücken, die z.T. über 100 Jahre alt sind, „und es gibt null Erfahrungswerte, wie lange so eine Brücke hält.“ Auch das Thema Sicherheit spricht der EVG-Vorsitzende an. „Unsere Position ist klar: Doppelbesetzung, BodyCams – die Aufgabeträge sind in der Pflicht, Sicherheit zu bezahlen.“ Ein gutes halbes Jahr nach dem Sicherheitsgipfel der Deutschen Bahn werde die EVG demnächst Bilanz ziehen, was aus den Ankündigungen geworden ist.
Nach der Betriebsversammlung bei neg geht es nach Husum und dort in die Fahrradsättel: die erste Tour steht an, 30 Kilometer bis Jübek. Es ist bestes Fahrradwetter, und Gelegenheit, Martins Aussage in Niebüll zu prüfen: „Schleswig-Holstein ist ein schönes Land.“







































