Sommertour: Kollegiale Konkurrenz kurz vor dem Urlaubsparadies

Im vierten Jahr in Folge geht Martin Burkert auf Sommertour. Unter dem Motto „Kollegen besuchen Kollegen“ bereist der EVG-Vorsitzende verschiedene Betriebe in unserem Organisationsbereich. Die Wege dazwischen werden nachhaltig und ökologisch zurückgelegt: per Bahn und Fahrrad. Ein straffes Programm gibt es auch dieses Jahr: zwei Wochen, fünf Bundesländer, 16 Betriebe. Los geht’s diesmal im hohen Norden.

Fünf Personen mit Fahrrädern stehen vor dem Eingang eines Backsteingebäudes mit einem gut sichtbaren DB-Logo. Mehrere Personen tragen Fahrradhelme. Im Hintergrund sind Fenster, abgestellte Fahrräder und weitere Personen zu sehen.

In Schleswig-Holstein sagt man „Moin“, und dies zu jeder Tages- und Nachtzeit. An diesem Montagmorgen passt es natürlich besonders, und so empfängt uns auch Jan-Hendrik Reimer mit einem kräftigen Moin. Wir treffen uns am Terminal des Sylt-Shuttles der DB Fernverkehr. Von kurz nach 5 Uhr morgens bis nach 23 Uhr werden von hier Urlauber, aber auch Berufspendler, und natürlich jede Menge Güter auf die beliebte Ferieninsel befördert. Denn eine „echte“ Straßenverbindung“ gibt es nach wie vor nicht; es geht seit 1927, ob Pkw, Wohnmobil, Motorrad oder Lkw, über, er heißt tatsächlich immer noch so, den Hindenburgdamm, und dies huckepack auf dem Zug. 

Der Betriebsratsvorsitzende Jan-Hendrik Reimer führt uns bis vor ans Gleis, wo die Fahrzeuge auf den Zug verladen werden. Auch dort begrüßt uns vielstimmiges „Moin“, doch gut gelaunt sind heute Morgen nicht alle. Es gibt Probleme beim Beladen eines Lkw. Der riesige Sattelschlepper kann nicht ordnungsgemäß befestigt werden. Ein Sicherheitsrisiko, das die Beschäftigten des Sylt Shuttle nicht hinnehmen. Es folgt ein heftiger Wortwechsel mit dem Lkw-Fahrer, aber es nützt nichts, der Sattelschlepper muss wieder runter vom Zug.

Vorgänge wie dieser sind Sand im Getriebe. Der Fahrplan ist eng getaktet; 30 Minuten Zeit bleiben, um einen kompletten Autozug zu entladen und wieder zu beladen. „Die Kolleg:innen hier sind diejenigen, die am meisten Stress mit den Passagieren haben“, sagt Jan-Hendrik. Stress 11 Kilometer vor dem Urlaubsparadies? „Es geht oft schon damit los, ob man für die Überfahrt einen Platz auf der oberen oder der unteren Ebene angewiesen bekommt“, grinst Jan-Hendrik. „Und an heißen Tagen ist es am schlimmsten.“ 

Eine gute halbe Stunde dauert die Fahrt, 6-700 Anmeldungen gibt es pro Tag, einige hundert Pkw kommen auch unangemeldet. Ein lukratives Geschäft; so lukrativ, dass sich auch das US-amerikanische Eisenbahnunternehmen RDC mit seiner deutschen Tochter Trassen gesichert hat. Der motorisierten Sylt-Besucher kann sich schon bei der Anfahrt zwischen dem roten und dem blauen Shuttle entscheiden. „70:30“ zugunsten der DB schätzt Jan-Hendrik Reimer die Verteilung der Kund:innen und spricht von einer „kollegialen Konkurrenz“ zwischen den beiden Unternehmen. „Wir kommen miteinander klar.“

RDC begegnet uns auch bei der zweiten Station des Tages, der Norddeutschen Eisenbahn-gesellschaft Niebüll, neg. RDC ist hier Mehrheitseigner. Die neg ist ein integrierter Konzern im Kleinen, sie betreibt SPNV zwischen Niebüll, Dagebüll und dem dänischen Töndern, betreibt etwas Infrastruktur und auch eigene Werkstätten, dies alles mit rund 140 Beschäftigten. IN zurückliegenden Tarifkonflikten haben sich die neg-Kolleg:innen als außerordentlich streikbereit gezeigt. 

Vielstimmiges Moin auch hier. Betriebsratsvorsitzende Oliver Glaewe begrüßt uns als spezielle Gäste zu einer Betriebsversammlung. Martin Burkert ergreift die Gelegenheit, um eine Palette an aktuellen Themen anzusprechen. Der neue Bundesverkehrsminister Steffen Bilger habe einiges zu tun, allem voran die Sanierung der Infrastruktur. „Wir brauchen für den Erhalt der Verkehrs-infrastruktur in Deutschland jeden Tag eine Milliarde Euro – Schiene, Straßen, Binnenschifffahrt.“ Alleine die Schiene benötige 150 Milliarden Euro, „nur um nicht weiter zu altern: von Verjüngung rede ich da noch gar nicht.“ Größte Achillesferse seien die Brücken, die z.T. über 100 Jahre alt sind, „und es gibt null Erfahrungswerte, wie lange so eine Brücke hält.“  Auch das Thema Sicherheit spricht der EVG-Vorsitzende an. „Unsere Position ist klar: Doppelbesetzung, BodyCams – die Aufgabeträge sind in der Pflicht, Sicherheit zu bezahlen.“ Ein gutes halbes Jahr nach dem Sicherheitsgipfel der Deutschen Bahn werde die EVG demnächst Bilanz ziehen, was aus den Ankündigungen geworden ist.

Nach der Betriebsversammlung bei neg geht es nach Husum und dort in die Fahrradsättel: die erste Tour steht an, 30 Kilometer bis Jübek. Es ist bestes Fahrradwetter, und Gelegenheit, Martins Aussage in Niebüll zu prüfen: „Schleswig-Holstein ist ein schönes Land.“

Sommertour Tag 1

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