#SaveRailFreight: Gewerkschaften fordern EU-Kurswechsel im Güterverkehr

Am Mittwoch warnten Eisenbahngewerkschaften aus ganz Europa in Brüssel vor einem drohenden Niedergang des europäischen Schienengüterverkehrs. Unter dem Titel „Den Schienengüterverkehr auf Kurs halten: Lösungen der Beschäftigten für eine Branche in der Krise“ versammelten sich Vertreter:innen der Europäischen Transportarbeiter-Föderation (ETF) und ihrer Mitgliedsgewerkschaften, um der EU-Politik konkrete und machbare Lösungen zu präsentieren. Gleichzeitig wurde die Kampagne #SaveRailFreight offiziell gestartet.

Innenraum eines hellen Konferenzraums mit Reihen roter Stühle. Im Vordergrund sitzen zahlreiche Personen, teils mit Notizblöcken, Laptops oder Smartphones; einige tragen Headsets. Vorn befindet sich ein Podium mit einem langen Tisch, hinter dem drei Personen sitzen. Auf dem Tisch stehen Namensschilder, Mikrofone und Wasserflaschen. Hinter dem Podium ist eine große Projektionsfläche mit einer Präsentationsfolie in Blau‑ und Orangetönen, mit Logos und mehrzeiligem Text, der aus der Entfernung nur teilweise lesbar ist. Rechts neben dem Podium steht ein Rednerpult mit Mikrofon. Am rechten Bildrand ist technisches Equipment zu sehen, darunter mehrere Kabel und ein Stativ. Der Raum hat hohe Fenster auf der linken Seite und einen gemusterten dunklen Teppichboden.

Sorgenkind mit Systemrelevanz: der Einzelwagenverkehr
Im Fokus der Konferenz stand der Einzelwagenverkehr (EWV), vielfach als Sorgenkind der Branche bezeichnet. Während er von manchen als zu teuer und zu komplex bewertet wird, machten Gewerkschaften sowie Vertreter:innen aus Wirtschaft und Bahnbranche deutlich: Der Einzelwagenverkehr ist für die industrielle Wertschöpfung in Europa unverzichtbar.

Dirk Flacke, Triebfahrzeugführer und EVG-Betriebsrat, wandte sich mit einem eindringlichen Appell aus der Praxis an die europäische Politik: „Wenn der Einzelwagenverkehr stirbt, sterben auch viele Industriestandorte.“ Ohne die flexible Schienenanbindung, etwa für die Stahl-, Automobil- oder Chemieindustrie, drohten der Verlust tausender Arbeitsplätze und eine weitere Verlagerung des Verkehrs auf die Straße. Flacke forderte eine gezielte Förderung der Betriebskosten im Einzelwagenverkehr, den zügigen Roll-out der Digitalen Automatischen Kupplung (DAK) sowie eine umfassende Infrastruktur-Offensive.

Wissenschaftliche Belege stützen gewerkschaftliche Forderungen
Um den Forderungen gegenüber EU-Kommission und Europäischem Parlament Nachdruck zu verleihen, wurde eine wissenschaftliche Studie zum Einzelwagenverkehr vorgestellt. Deren Ergebnisse sind eindeutig: Der Industriestandort Europa ist in hohem Maße auf den Einzelwagenverkehr angewiesen. Ohne ein koordiniertes, strategisches Handeln der EU und eine gezielte finanzielle Unterstützung hat dieses System jedoch keine Zukunft.

Berichte aus Europa: Ein Sektor am Limit
Auch jenseits des Einzelwagenverkehrs ist der Schienengüterverkehr insgesamt unter massivem Druck. Kay Gottschall, stellvertretender Vorsitzender des Europäischen Betriebsrats von DB Cargo, schilderte die enormen Herausforderungen, vor denen das größte deutsche Schienengüterverkehrsunternehmen steht. Eine Kehrtwende sei möglich, betonte Gottschall, sie verlange jedoch einen erheblichen Kraftakt von allen Beteiligten.

Ähnliche Berichte kamen aus anderen europäischen Ländern. So befindet sich etwa die Güterverkehrstochter der tschechischen Staatsbahn in einem tiefgreifenden Umbruch: 1.300 Stellen wurden abgebaut, 4.500 Wagen ausgemustert und 140 Lokomotiven außer Dienst gestellt. Die Folge sind täglich rund 960 zusätzliche Lkw auf den Straßen.

Appell an die Politik: Faire Wettbewerbsbedingungen schaffen
Besonders emotional wurde die Debatte beim Thema Wettbewerbsverzerrung zwischen Schiene und Straße. Der Straßengüterverkehr profitiert in erheblichem Umfang davon, dass ein Großteil seiner Kosten von der Allgemeinheit getragen wird – oft verbunden mit ausbeuterischen und menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen für viele Lkw-Fahrer:innen.
Unterstützung erhielt diese Kritik von Andreas Schieder, Europaabgeordneter der österreichischen SPÖ. Er bestätigte, dass der Wettbewerb auf der Straße vielfach zulasten der Steuerzahler:innen und auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird.

Fazit: Schiene als Teil der Daseinsvorsorge
Livia Spera, Generalsekretärin der ETF, schloss die Konferenz mit einer klaren Botschaft an die EU-Kommission: Der Schienengüterverkehr dürfe nicht länger allein als Spielball des Marktes betrachtet werden. Er müsse als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge verstanden und entsprechend finanziert werden.

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