Mehr Sicherheit für Beschäftigte: EVG-Aktionstage in Halle und Erfurt

Mit einem Gefühl der Angst gehe er nicht zur Arbeit – noch nicht. Aber ein mulmiges Gefühl sei schon dabei, wenn er abends etwa in Halberstadt unterwegs sei, sagt Fabian Zabel. Der junge Fahrgastbetreuer arbeitet seit gut einem Jahr beim Unternehmen „Start“. Wir treffen ihn auf Gleis 12 am Bahnhof Halle. Die EVG-Geschäftsstelle hatte zum Sicherheitsaktionstag eingeladen, um mit Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch zu kommen. Verteilt wurden Informationen zu den EVG-Aktivitäten für mehr Sicherheit sowie ein Flyer zur Beteiligung an der EVG-Petition.

Informationsstand der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) in einer Bahnhofshalle: Zwei Personen stehen hinter einem Tisch mit EVG-Logo, darauf liegen Flyer, Broschüren und Werbematerial. Daneben ein Roll-up-Banner und ein Stehtisch mit weiteren Infomaterialien; im Hintergrund sind eine Abfahrtstafel, Reisende und Bahnhofsarchitektur zu sehen.

Auf die Frage, wie sicher er sich in seinem Beruf fühle, berichtet Fabian, dass er in den vergangenen zwölf Monaten bereits viermal mit Gewalt konfrontiert worden sei. In Aschersleben sei er von einem Reisenden angespuckt worden, in Könnern habe er einen Vater, der mit seinem Sohn über die Gleise gelaufen sei, auf die Gefahr hingewiesen und sei daraufhin körperlich attackiert worden. In Goslar wurde er Zeuge, wie ein Kollege verprügelt wurde – es floss sogar Blut. Und erst kürzlich sei er bei einer Fahrkartenkontrolle heftig angerempelt worden.

Seine persönliche Strategie sei der Rückzug. „Wenn ich merke, dass ein Fahrgast auf Krawall aus ist, gehe ich weg“, sagt er. „Wegen einer Fahrpreisnacherhebung möchte ich kein Messer im Bauch haben.“ Dass Rückzug nicht immer möglich ist, macht Mandy Wieprich deutlich. Die EVG-Betriebsgruppenvorsitzende arbeitet ebenfalls als Kundenbetreuerin bei „Start“ und begleitet EVG-Geschäftsstellenleiterin Yvonne Eisenhuth bei ihrer Runde über die Bahnsteige.

„Wenn ich merke, dass ein Fahrgast auf Krawall aus ist, gehe ich weg. Wegen einer Fahrpreisnacherhebung möchte ich kein Messer im Bauch haben.“  Fabian Zabel, Fahrgastbetreuer

„‚Ich schlachte dich jetzt ab‘, hat er gerufen“, erinnert sich Mandy an einen aggressiven Fahrgast, der sie an der Haltestelle Wegeleben bei einer Fahrkartenkontrolle plötzlich bedroht hatte. „Ich dachte nur: Heute kommst du nicht mehr lebend nach Hause.“ Zum Glück sei die nächste Station Halberstadt gewesen. Dort gibt es eine besetzte Wache der Bundespolizei, deren Beamte schnell zu Hilfe kommen konnten.

„Erst mal bist du geschockt“, sagt Mandy. „Aber so ein Vorfall macht etwas mit dir. Er gräbt sich tief ins Unterbewusstsein ein.“ Am nächsten Tag sei sie wieder auf derselben Strecke im Einsatz gewesen und habe den Aggressor in einem Gegenzug am Fenster sitzen sehen. „Sofort war die Angst wieder da, ich bekam einen Weinkrampf und musste den Dienst abbrechen.“ Es folgten eine wochenlange Krankschreibung und psychologische Betreuung.

„Ich schlachte dich jetzt ab! Ich dachte nur: Heute kommst du nicht mehr lebend nach Hause.“ Mandy Wieprich, EVG-Betriebsgruppenvorsitzende und Kundenbetreuerin

„Das Schlimme ist, dass die Gesellschaft diesen Menschen nicht habhaft wird“, stellt Marco Herrmann fest. Die ausgesprochenen Sanktionen seien zu lasch, selbst Hausverbote ließen sich oft nicht durchsetzen. Bestraft werden müsse schneller und deutlich härter, meint der Fahrgastbetreuer. Schnellgerichte könnten eine Möglichkeit sein. „Im Augenblick schaffen wir uns die Probleme selbst.“ In Halberstadt gebe es eine Aufnahmestelle für Asylbewerber. Würden Personen ohne Ticket angetroffen, sei eine Abschiebung nicht möglich, solange das Verfahren wegen Schwarzfahrens laufe. Das spreche sich herum. Bei einer schnellen Verurteilung mit entsprechender Strafe wäre das aus seiner Sicht anders.

Neue Wege, um Regeln konsequenter durchzusetzen und für mehr Ordnung zu sorgen, geht die Deutsche Bahn seit Ende März im Bahnhof Halle. Dort sind sogenannte Quattro-Streifen im Einsatz: Einsatzkräfte von Bundes- und Landespolizei, Ordnungsamt und DB AG gehen gemeinsam auf Streife. Durch die enge Zusammenarbeit können Maßnahmen vor Ort leichter umgesetzt werden. Während die DB nur für den Bahnhofsbereich Platzverweise aussprechen kann, ist dies der Polizei auch im Umfeld möglich. Zudem lassen sich Personalien schneller feststellen.

„Man merkt deutlich, wenn die Polizei präsent ist“, sagt Ines Lumpe, EVG-Spitzenkandidatin bei den Betriebsratswahlen. Wir treffen sie im Kundencenter von Abellio. Die Bundespolizei unterhalte im Bahnhof Halle eine ständig besetzte Wache. „Wenn wir Hilfe brauchen, sind die Beamten sehr schnell da.“ In anderen Bahnhöfen sei das aufgrund von Personalmangel leider nicht immer der Fall.

Während des Gesprächs berät Ines einen älteren Mann, der in den kommenden Tagen nach Ilmenau reisen möchte. Dass es keine Direktverbindung gibt, ärgert ihn. Er schimpft kurz, wirkt ungehalten, doch Ines erklärt geduldig die verschiedenen Optionen. Am Ende siegt die Freundlichkeit: Nach einem mehrminütigen Gespräch ist die Fahrkarte verkauft.

Doch es gibt auch andere Situationen. „Beleidigt werden wir eigentlich jeden Tag. Es gab auch schon Fahrgäste, die sich neben die provisorisch angebrachten Plexiglasscheiben gebeugt und uns angespuckt haben“, berichtet Ines. Die fehlende Sicherheit belaste die Kolleginnen und Kollegen. Es gebe keine Videoüberwachung, die Eingangstür könne vom Schalter aus nicht verriegelt werden, ein Notausgang fehle, und die Polizei könne nur über ein Tablet alarmiert werden. Optimal sei das alles nicht.

„Beleidigt werden wir eigentlich jeden Tag. Es gab auch schon Fahrgäste, die sich neben die provisorisch angebrachten Plexiglasscheiben gebeugt und uns angespuckt haben.“ Ines Lumpe, EVG-Spitzenkandidatin bei den Betriebsratswahlen.

Ein Kollege von DB Sicherheit schaut vorbei. Man kennt sich, passt aufeinander auf. Die vielbeschworene Eisenbahnerfamilie wird hier gelebt. An seiner Jacke in Signalfarbe blinkt eine Bodycam im Standby-Modus. „Manchmal entwickelt sich eine Situation so plötzlich, da kommt man gar nicht mehr zum Einschalten.“ Insgesamt sei das Aufzeichnen jedoch sinnvoll. Die EVG-Forderung, auch den Ton aufnehmen zu dürfen, hält er für richtig.

Beim Eisenbahnverkehrsunternehmen „Start“, einer hundertprozentigen Tochter von DB Regio, gibt es bislang noch keine Bodycams. Das wird sich ändern: Spätestens zum 1. August 2026 soll der Betrieb vollständig in DB Regio integriert werden. Dann wird es auch dort – nach verbindlicher Schulung – das Angebot geben, eine Bodycam zu tragen. Noch überwiegt bei vielen die Skepsis. „Es gibt Fahrgäste, die gezielt den Konflikt suchen. Auf die wirkt eine Kamera nicht deeskalierend“, schätzt Marco Herrmann.

In der aktuellen Sicherheitsumfrage der EVG gaben 13,8 Prozent der Teilnehmenden an, dass Personen aggressiver geworden seien, wenn die Kamera eingeschaltet war. 23,2 Prozent empfanden hingegen eine entschärfende Wirkung. Die EVG fordert für alle Kolleginnen und Kollegen mit Kundenkontakt die Möglichkeit, eine Bodycam zu tragen. Eine Tragepflicht soll es jedoch nicht geben; jede und jeder soll individuell entscheiden.

Ein zentrales Anliegen der Kundenbetreuerinnen und Kundenbetreuer ist die Doppelbesetzung. „Wenn ich angegriffen werde, ist jemand da, der mir helfen kann“, wird immer wieder betont. Erwartet werden kurzfristige, kreative Lösungen in Abstimmung mit den Aufgabenträgern, um die aktuelle Situation schnell zu verbessern.

Diese und weitere EVG-Forderungen für mehr Sicherheit machte Geschäftsstellenleiterin Yvonne Eisenhuth beim Aktionstag in Halle immer wieder deutlich. Rund 100 informative Gespräche wurden mit Kolleginnen und Kollegen geführt. Ein Hinweis durfte dabei nicht fehlen: EVG-Mitglieder sollten daran denken, den Internetzuschuss in Höhe von 120 Euro über den Fonds zu beantragen sowie den Mitgliederbonus von 156 Euro.

„Wenn ich angegriffen werde, ist jemand da, der mir helfen kann.“

Am Tag darauf folgte der Aktionstag in Erfurt. Der EVG-Infostand stand mitten in der Eingangshalle des Bahnhofs. Reisende wurden über die EVG-Forderungen für mehr Sicherheit informiert, Kolleginnen und Kollegen erhielten ein kleines Infopaket und einen Imbissgutschein. Mit Unterstützung der GUV/Fakulta gab es zudem ein kleines Präsent. Vier Stunden lang herrschte reger Betrieb. Von der Reinigungskraft bis zur Zugchefin schauten viele vorbei, auch der Mitteldeutsche Rundfunk war mit einer Radioreporterin vor Ort.

Viele Reisende zeigten sich interessiert und solidarisch. Ein grundsätzlich ungutes Gefühl beim Zugfahren hatten die wenigsten. Als unangenehm wurden vor allem alkoholisierte Reisende in Regionalzügen beschrieben. „Wenn es mir zu viel wird, suche ich mir einen anderen Platz“, hieß es häufig. Gewalt gegen Beschäftigte wurde einhellig abgelehnt. „Sie kümmern sich doch immer so reizend um uns“, sagte eine ältere Dame, die auf ihren ICE nach Frankfurt wartete.

Viele Kolleginnen und Kollegen unterzeichneten am Aktionstag die Petition, in der die EVG ihre Kernforderung an Bund und Länder für mehr Sicherheit zusammengefasst hat. Auch die Landespolitik - Abgeordnete und Ansprechpersonen der Landtagsfraktionen von CDU, SPD und Linke – fanden am Aktionstag den Weg zum Infostand im Erfurter Bahnhof. Sie nahmen die Anliegen der Beschäftigten ernst, unterzeichneten die Petition ebenfalls – und wurden nochmal zu Gesprächen über dieses wichtige Thema eingeladen.

Rund 15.000 Unterzeichner gibt es derzeit. Unterschrieben werden kann noch bis zum 15. Mai 2026. Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Unterzeichnung findest du unter diesem Link.

zurück