Keine Rosinenpickerei: Fernverkehr darf nicht zum Spielball von Profitinteressen werden

Der Fernverkehrsmarkt in Deutschland gerät in Bewegung: Mit Italo steht ein weiterer Anbieter in den Startlöchern. Die Erwartungen sind hoch - günstigere Tickets, bessere Angebote und zusätzliche Arbeitsplätze werden in Aussicht gestellt. Doch wie realistisch sind diese Versprechen?

Ein roter Hochgeschwindigkeitszug mit der Aufschrift "italo" steht an einem überdachten Bahnsteig.

Tatsächlich sind viele zentrale Strecken und Knotenpunkte bereits heute stark ausgelastet. Zusätzliche Anbieter führen dort kaum zu mehr Zügen, sondern vor allem zu unterschiedlichen Betreibern auf den gleichen Verbindungen. Ein erweitertes Angebot für Reisende entsteht so nicht. 

Zugleich steht die Anbindung der Fläche unter Druck. Viele Orte in Deutschland werden über die DB AG an den Fernverkehr angebunden, obwohl es sich eigentlich für das Unternehmen nicht rechnet. Diese Strecken werden über Gewinne auf stark frequentierten Verbindungen mitfinanziert. Neue Anbieter konzentrieren sich jedoch vor allem auf lukrative Routen. Fällt diese Quersubventionierung weg, droht ein Rückzug aus der Fläche – mit negativen Folgen für viele Regionen. 

Auch die angekündigten günstigen Preise sind mit Vorsicht zu betrachten. Häufig gehen sie mit Einsparungen bei Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung einher oder werden durch Investoren vorfinanziert. Dauerhaft niedrige Preise sind daher keineswegs garantiert. 

Für die Beschäftigten der Branche kann die Entwicklung ebenfalls Konsequenzen haben: Die EVG rechnet mit dem möglichen Wegfall von bis zu 5.000 Arbeitsplätzen im Fernverkehr, sollte es zu Kürzungen im Angebot kommen. 

Für die EVG gilt deshalb: Wettbewerb kann sinnvoll sein – aber nur mit klaren Regeln. Wer auf den profitablen Strecken fahren will, muss auch Verantwortung für die Fläche übernehmen. Eine Rosinenpickerei bei den lukrativen Strecken darf nicht stattfinden! Nur so lassen sich gute Arbeit und eine flächendeckende Versorgung sichern. 

„Jetzt drängen neue Anbieter auf den Fernverkehrsmarkt und der Wettbewerb soll die Lösung aller Probleme sein. Den Bürgerinnen und Bürgern werden dabei große Versprechungen zu Service und günstigen Preisen gemacht, aber dass bei ihnen zu Hause dann bald kein Zug mehr fahren würde, wird gerne weggelassen. Die Deutsche Bahn finanziert über die Gewinne auf den Hauptstrecken die nicht so lukrativen Strecken in der Fläche. Die neuen Anbieter wollen aber Rosinenpickerei betreiben und nur auf den Hauptstrecken Kasse machen.

 Leidtragende wären dann die Fahrgäste, die künftig stundenlang Regionalzug fahren müssten, bis sie den nächsten Fernverkehrshalt erreichen. Wir erwarten von Italo und Co ein klares Bekenntnis zum Fernverkehr in der Fläche, zu Tarifbindung und zur Mitbestimmung. Der Wettbewerb darf nicht zu Lasten von Beschäftigten und Kunden gehen. Wenn Politik und Bundesnetzagentur nicht aufpassen, wird aus mehr Wettbewerb ganz schnell ein geschrumpftes Netz.“ Frank Skorzus, EVG-Vorstandsmitglied

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