„Wenn die Eisenbahnfamilie eine Hauptstadt hätte, dann würde diese Hauptstadt Nürnberg heißen“, eröffnete EVG-Vorsitzender Martin Burkert seine Rede. Und tatsächlich: Kaum irgendwo wird die besondere Verbundenheit der Eisenbahnerinnen und Eisenbahner so spürbar wie beim Eisenbahnertag. Zwischen Volksfeststimmung, persönlichen Gesprächen und politischen Debatten wurde deutlich, was die Branche auszeichnet: Zusammenhalt, Solidarität und die gemeinsame Verantwortung für eine starke Schiene.
Burkert spannte in seiner Rede einen weiten Bogen von den Herausforderungen im Betriebsalltag bis zu den großen verkehrspolitischen Fragen der Zeit. Dabei rückte er vor allem die Menschen in den Mittelpunkt. Die Eisenbahn habe Zukunft, betonte er, und verwies auf die bundesweit rund 5.000 neu eingestellten Nachwuchskräfte. Sie seien der beste Beweis dafür, dass die Schiene auch in den kommenden Jahrzehnten eine entscheidende Rolle spielen werde.
Keine Rosinenpickerei
Deutliche Worte fand Burkert zur Zukunft des Fernverkehrs. „Italo soll künftig Kasse machen dürfen zwischen München und Frankfurt. Aber nach Magdeburg oder Ingolstadt wollen sie dann nicht mehr fahren, dort, wo es für die DB ein Minusgeschäft ist“, kritisierte Burkert die Schieflage im Wettbewerb. Der Nürnberger EVG-Chef zog dazu den passenden Vergleich: „Das wäre ungefähr so, als würde beim Volksfest jemand nur die Einnahmen der Losbude kassieren wollen, aber die Rechnung für das Festzelt, die Bühne und die Musik den anderen überlassen. So funktioniert kein Volksfest. Und so funktioniert auch keine Eisenbahn.“
Wettbewerb brauche klare Regeln und Verantwortung für das gesamte System, nicht nur für die profitablen Verbindungen, betonte Burkert und kritisierte, dass die Bundesregierung und die Bundesnetzagentur den Finanzinvestoren von Italo den roten Teppich auskehren, denn zu einem signifikanten Teil steckt BlackRock hinter dem Unternehmen. Die amerikanischen Geldgeber versprechen sich offenbar große Renditen im deutschen Schienennetz. Burkert fand deshalb klare Worte in Richtung Politik:
„Wem BlackRock in diesem Land wichtiger ist als Bamberg, der braucht sich über Umfragewerte nicht wundern, liebe Kolleginnen und Kollegen!“
Die EVG werde deshalb weiterhin dafür kämpfen, dass die Interessen von Beschäftigten, Fahrgästen und Regionen gleichermaßen berücksichtigt werden.
Bei sozialen Themen machte der EVG-Vorsitzende ebenfalls deutlich, dass die Gewerkschaft ihre Stimme erheben werde. Ob Beschäftigungssicherung, Tarifpolitik, Renten oder Gesundheitsversorgung: Gute Arbeit und soziale Sicherheit seien keine Privilegien, sondern die Grundlage eines gerechten Zusammenlebens. Besonders erfreut zeigte sich Burkert über das starke Abschneiden der EVG bei den Betriebsratswahlen im DB-Konzern, bei denen die Gewerkschaft erneut eine deutliche Mehrheit erzielen konnte.
Sicherheit ist nicht verhandelbar
Ein besonders bewegender Moment war das Gedenken an den verstorbenen Kollegen Serkan Çalar, der nach einem gewalttätigen Angriff bei einer Fahrscheinkontrolle ums Leben kam. Burkert erinnerte daran, dass viele Beschäftigte im Kundenkontakt täglich Anfeindungen, Bedrohungen und Gewalt erleben. Deshalb habe die EVG jetzt richtig Alarm geschlagen, damit zumindest die Strafrechtsverschärfung bei Übergriffen auf Eisenbahner kommt. „Sonst bewegt sich doch hier nichts“, konstatierte Martin, der kürzlich in der Öffentlichkeit androhte, dass die EVG-Betriebsräte Dienstpläne aufgrund der Sicherheitslage verweigern würden.
Dass gemeinsames Handeln etwas bewegen kann, zeigte Burkert am Beispiel der Beschäftigten von Vossloh Rail Services in Nürnberg. Durch Geschlossenheit und Engagement sei dort ein erfolgreicher Tarifabschluss erreicht worden. Für den EVG-Vorsitzenden ein Beweis dafür, dass Solidarität nicht nur ein Schlagwort ist, sondern konkrete Verbesserungen für die Menschen bewirken kann.
Zum Abschluss richtete Burkert den Blick nach vorn. Die Eisenbahn habe in den vergangenen Jahren viele Krisen, Debatten und Umbrüche erlebt. Doch die Beschäftigten hätten immer bewiesen, dass auf sie Verlass ist. „Viele Berufe. Viele Aufgaben. Aber eine Mannschaft“, lautete seine Botschaft an die Anwesenden.
