DGB-Kongress: „Sicherheit darf keine Frage des Geldes sein.“

Zum Initiativantrag „Mehr Sicherheit für Beschäftigte – im öffentlichen Verkehr und überall“ machte der EVG Vorsitzende Martin Burkert in seiner Rede auf dem DGB-Kongress deutlich: „Wir reden hier nicht mehr über Einzelfälle, sondern über ein systemisches Problem. Gewalt in Bahnen und Bussen ist Alltag geworden.“

Eine Person steht hinter einem Rednerpult vor einem vollständig roten Hintergrund. Auf dem Pult sind zwei Mikrofone befestigt, links daneben steht ein Glas mit Wasser. Die Person trägt ein dunkles Jackett über einem hellen Hemd und ein rotes Schlüsselband mit Ausweis um den Hals. Beide Hände sind vor dem Oberkörper erhoben, die Handflächen zeigen nach außen. Auf der Vorderseite des Rednerpults ist ein rotes Logo mit der Aufschrift „DGB“ sowie darunter der Text „23. Ordentlicher Bundeskongress des DGB“ zu sehen.

26. Ordentlicher Bundeskongress

Im vergangenen Jahr habe es allein bei der Deutschen Bahn rund 3.000 gemeldete Übergriffe auf Beschäftigte gegeben – Tendenz steigend, so Burkert. Der tödliche Angriff auf den Kollegen Serkan Çalar im Februar dieses Jahres habe dabei einen traurigen Höhepunkt markiert.

„Unsere Sicherheitsumfrage hat gezeigt, dass jeder zweite Beschäftigte bereits körperlich angegriffen wurde und knapp ein Drittel angesichts der Gewaltsituation über einen Berufswechsel nachdenkt.“ Martin Burkert, EVG-Vorsitzender

Die EVG fordert deshalb schnelle und wirksame Maßnahmen: mehr Personal statt Alleinarbeit, mehr Technik wie Bodycams und Videolösungen sowie zusätzliche Kapazitäten, um überfüllte Fahrzeuge zu vermeiden. Bund, Länder und Kommunen dürfen die Verantwortung nicht länger hin  und herschieben. Sicherheit dürfe keine Kostenfrage sein. Die Forderungen hat die EVG in einem Initiativantrag gebündelt.

EVG-Kollegin Monika Goth, Zugbegleiterin bei DB Fernverkehr, untermauerte den Antrag mit Erfahrungen aus ihrem Berufsalltag und dem ihrer Kolleg:innen. Die Beschäftigten bekämen die Folgen des „katastrophalen Zustands des deutschen Schienennetzes“ zu spüren. Verspätete Züge, verpasste Anschlüsse, plötzliche Gleiswechsel. „Wir verstehen den Frust der Fahrgäste durchaus“, so Monika. „Aber jeden Tag Angst zu haben vor Übergriffen, macht krank.“ Viele Kolleg:innen gingen am Ende einer abendlichen Zugfahrt aus Angst nicht mehr durch den Zug. Auch aggressive Fans rund um Fußballspiele hätten ein latentes Bedrohungspotenzial. „Wer aber täglich für unsere Mobilität sorgt, der verdient Schutz und Respekt, keine Beleidigungen und keine Gewalt.“

„Jeden Tag Angst zu haben vor Übergriffen macht krank.“ Monika Goth, Zugbegleiterin

Dass das nicht nur Beschäftigte, sondern auch Fahrgäste so sehen, zeigte im Anschluss die spontane Wortmeldung einer jungen ver.di Kollegin. Sie sei unlängst selbst in einem Zug mit Fußballfans unterwegs gewesen. „Eine junge Zugbegleiterin, übrigens EVG-Mitglied, hat gespürt, dass ich mich nicht wohlgefühlt habe, und hat sich eben mich gesetzt. Stellvertretend sage ich: Danke an euch, die ihr jeden Tag für uns da seid.“ Der Initiativantrag der EVG ist am Mittwoch mit großer Mehrheit angenommen worden.

Martin hatte zuvor eine stärkere Demokratisierung der Arbeitswelt gefordert. Angesichts wachsender Herausforderungen durch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und den Rückgang der Tarifbindung kündigte er an, die Stärkung von Mitbestimmung und sozialer Partnerschaft zu einem zentralen Schwerpunkt der Gewerkschaftsarbeit zu machen. 

„Es geht um nichts Geringeres als unsere gewerkschaftliche DNA: Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit und Solidarität.“ Martin Burkert, EVG-Vorsitzender

Gleichzeitig verlangte Burkert mehr Fortschritte bei der Gleichstellung von Frauen und Männern sowie Reformen etwa beim Elterngeld, Ehegattensplitting und Minijobs. Ziel sei eine gerechte Arbeitswelt, in der „Gute Arbeit“ auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt.

Gemeinsam für gute Arbeitsbedingungen zu kämpfen ist heute so wichtig wie eh und je - das stellte unsere EVG-Kollegin Yasemin Öz mit einem engagierten Redebeitrag heraus. Als Ausgangspunkt wählte sie den Ausschreibungswettbewerb im SPNV. Für Yasemin ein Negativbeispiel: „In 16 Bundesländern klöppeln 26 Aufgabenträger an Ausschreibungen für den Schienen-Regionalverkehr. Viele davon mehr schlecht als recht. So ist ein europaweit beispielloser Flickenteppich an unterschiedlichen Regeln entstanden. Und eins sage ich euch: Davon profitierten vor allem die, die mit guter Arbeit nichts am Hut haben. Deshalb fordern wir eine sichere Perspektive für alle Beschäftigten, gute Arbeitsbedingungen und Tariftreue in allen Bundesländern.“

„So ist ein europaweit beispielloser Flickenteppich an unterschiedlichen Regeln entstanden. Und eins sage ich euch: Davon profitierten vor allem die, die mit guter Arbeit nichts am Hut haben.“ EVG-Kollegin Yasemin Öz

Ebenfalls gebe der DB Konzern derzeit kein gutes Bild ab. Ob Güterverkehr, Fahrzeuginstandhaltung oder die konzerninternen Dienstleister: „Überall sollen Stellen abgebaut werden, es geht um tausende Existenzen.“ Deshalb sei der konzerninterne Arbeitsmarkt wo wichtig wie noch nie. „Er sorgt dafür, dass niemand ins Bodenlose fällt. Er sorgt dafür, dass die Deutsche Bahn nicht heute Leute vor die Tür setzt, die sie morgen braucht. Und er sorgt dafür, dass sich Beschäftigte weiterqualifizieren und weiterentwickeln können.“

In vielen Branchen gebe es solche Auffangnetze nicht. „Daher müssen wir alle gemeinsam kämpfen: für Arbeitsplatzsicherheit, für gute Arbeitsbedingungen, für Tariftreue.“

Vom 10. bis 13. Mai tagte in Berlin der 23. Ordentliche Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Unter dem Motto „Stärker mit uns“ haben die Delegierten über Anträge beraten, die den Kurs der Gewerkschaftsbewegung für die kommenden Jahre bestimmen.

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