Im Rahmen seiner Sommertour machte sich EVG-Vorsitzender Martin Burkert gemeinsam mit der örtlichen EVG-Betriebsgruppe ein Bild vom aktuellen Baufortschritt. Für Carsten Burmeister, Gesamtprojektleiter des Neuen Werks Cottbus, ist die Entwicklung beeindruckend: „Wir zeigen hier, dass Bahn pünktlich ist.“ Bereits im kommenden Jahr soll die Produktion anlaufen, zunächst in einem zweimonatigen Testbetrieb und anschließend im Regelbetrieb.
Die Dimensionen der neuen Werkshallen sind beeindruckend. Moderne Technik und innovative Bauweisen ermöglichen künftig eine deutlich effizientere Instandhaltung von ICE-Zügen. Anders als bisher müssen einzelne Wagen nicht mehr aufwendig voneinander getrennt werden. Ganze Züge können in die Hallen einfahren und dort gezielt überholt werden. Dadurch verkürzt sich die Aufenthaltsdauer eines Zuges auf lediglich zwölf Tage. Damit setzt Cottbus bei der schweren Instandhaltung von ICE-Zügen neue Maßstäbe.
Doch hinter dem Erfolg stehen vor allem die Menschen. Viele Beschäftigte verbinden mit der Eisenbahn eine Familiengeschichte, die über Generationen hinweg reicht. Das Motto „Einmal Eisenbahner, immer Eisenbahner“ ist hier gelebte Realität. Im Austausch mit der EVG-Betriebsgruppe wurde dieser besondere Eisenbahnerstolz schnell sichtbar. So arbeiten etwa Sahra und Angela Zeptner als Mutter und Tochter im Werk. Auch Martin Weinlaub führt eine Familientradition fort: Seit 2008 arbeitet er im Betrieb und tritt damit in die Fußstapfen seines Vaters, der zuvor 45 Jahre dort beschäftigt war.
Dass die Entwicklung keineswegs selbstverständlich ist, erinnerte Andreas Lehmann, langjähriger Betriebsratsvorsitzender des Werks. „Es war nicht immer rosig“, berichtete er. Über viele Jahre hinweg fehlten jungen Menschen in Cottbus Perspektiven, zahlreiche Nachwuchskräfte mussten für ihre berufliche Zukunft andere Standorte wie Krefeld wählen. Heute hat sich das Bild gewandelt. Allein rund 240 junge Menschen werden derzeit am Standort ausgebildet. Für die Region ist das ein deutliches Signal: Die Eisenbahn hat in Cottbus Zukunft.
Trotz der positiven Entwicklung blicken viele Beschäftigte derzeit mit Sorge auf die aktuelle Auslastungssituation. „Aktuell laufen wir unter unseren Möglichkeiten. Wenn wir könnten, würden wir hier noch mehr schaffen“, erklärte Mike Nielbock, Vorsitzender der EVG-Betriebsgruppe. Auch Martin Burkert zeigte sich besorgt. Politik und Bahnvorstand hätten mit dem Ausbau des Werks große Erwartungen an den Strukturwandel in der Lausitz geweckt. Rund 1.200 neue Arbeitsplätze seien angekündigt worden. Von diesem Ziel sei der Standort bislang noch ein gutes Stück entfernt.
Dabei wurde das Werk unter der Prämisse eines wachsenden Fernverkehrs errichtet. Die Investitionssumme von rund einer Milliarde Euro stammt aus Eigenmitteln der Deutschen Bahn und muss langfristig refinanziert werden. Ursprünglich war vorgesehen, den Standort über Mittel der Strukturförderung zu finanzieren. Doch EU-Wettbewerbsvorgaben machten dieser Planung offenbar einen Strich durch die Rechnung.
Mit Blick auf die Zukunft sieht Burkert zusätzliche Herausforderungen. Insbesondere die Entwicklung des Fernverkehrsmarktes bereitet ihm Sorgen. Durch einen ungeregelten Wettbewerb würden neue Anbieter vor allem wirtschaftlich attraktive Strecken übernehmen, während die Deutsche Bahn weiterhin weniger rentable Verbindungen bedienen müsse. Dies gefährde langfristig die wirtschaftliche Grundlage des Fernverkehrs und damit auch die Auslastung der Instandhaltungswerke.
„Es ist doch aberwitzig, dass hier eine Milliarde Euro in den Standort Cottbus investiert wird, die Politik aber gleichzeitig mit einem ungeregelten Wettbewerb im Fernverkehr gute Arbeit im Werk gefährdet“, machte Burkert deutlich.
Dennoch überwog am Ende des Besuchs der Optimismus. Für den EVG-Vorsitzenden spricht vieles für eine erfolgreiche Zukunft des Standorts. Besonders beeindruckt zeigte er sich vom starken Zusammenhalt der Belegschaft und dem hohen Organisationsgrad der EVG.
Dass Gemeinschaft bei der EVG in Cottbus weit über den Arbeitsplatz hinausgeht, zeigte sich auch zum Abschluss des Tages. „Wir sehen uns am Samstag im Stadion“, verabschiedeten sich Kolleginnen und Kollegen. Die Antwort kam prompt: „Nein, heute schon beim EVG-Bowlingabend.“
Cottbus: Eisenbahnerstadt mit Zukunft
Wer am Cottbuser Hauptbahnhof ankommt, merkt schnell: Hier schlägt das Herz der Eisenbahn. Ob Sozialpartner, Knappschaft-Bahn-See, Bahn-Landwirtschaft, Instandhaltungswerke oder die DB Bahnbau, die Eisenbahn prägt die Stadt bis heute. Mitten im Zentrum entsteht zudem mit dem Neuen Werk Cottbus eines der modernsten Bahnwerke Europas.






