Auf Einladung der österreichischen Gewerkschaft vida kamen Vertreterinnen und Vertreter der EVG (Deutschland), des SEV (Schweiz) sowie des OGBL/Landesverbandes (Luxemburg) zusammen, um sich über aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und gewerkschaftliche Handlungsansätze im Eisenbahnsektor auszutauschen.
Sicherheit der Beschäftigten bleibt zentrales Thema
Ein Schwerpunkt des Treffens war die zunehmende Zahl von Übergriffen auf Zugpersonale im Personenverkehr. Dabei zeigte sich, dass die Herausforderungen in allen vier Ländern ähnlich sind, die Lösungsansätze jedoch unterschiedlich ausfallen.
Die Kolleginnen und Kollegen aus der Schweiz berichteten, dass der Einsatz von Bodycams derzeit an den gesetzlichen Rahmenbedingungen scheitert. Stattdessen setzt man dort auf technische Unterstützungssysteme wie mobile Notruflösungen für Beschäftigte im Einsatz. Zudem werden die Fahrzeuge in der Schweiz und in Luxemburg flächendeckend videoüberwacht. Die Aufzeichnungen werden für 72 Stunden gespeichert und dienen der Aufklärung von Vorfällen.
Aus Luxemburg wurde ebenfalls von einem deutlichen Anstieg von Übergriffen auf Beschäftigte berichtet. Durch gewerkschaftliches Engagement ist es dort gelungen, das Thema stärker in die politische Diskussion einzubringen und eine Neubewertung entsprechender Straftaten zu erreichen. Darüber hinaus wurde die Polizeipräsenz auf besonders belasteten Strecken verstärkt.
Österreich: Kritik an Zügen ohne Zugbegleitpersonal
Die österreichischen Kolleginnen und Kollegen berichteten über laufende Gehaltsverhandlungen sowie erhebliche Probleme mit dem Wagenmaterial bei den ÖBB.
Besonders kritisch wurde die Absicht bewertet, künftig bestimmte Züge ohne Zugbegleitpersonal einzusetzen. Als Beispiel wurde der neue achtteilige Stadler-Doppelstockzug genannt, der bis zu 1.000 Fahrgäste befördern kann und dennoch ohne Zugbegleiter:innen verkehren soll.
Die Arbeitnehmervertretungen der ÖBB lehnen diese Entwicklung entschieden ab. Aus gewerkschaftlicher Sicht wurde deutlich gemacht, dass Sicherheit, Servicequalität und Unterstützung der Reisenden nicht allein durch technische Systeme gewährleistet werden können. Gerade in Störungs- und Notfallsituationen bleibt qualifiziertes Zugpersonal unverzichtbar.
Unterstrichen wurde diese Einschätzung durch die Schilderung einer problematischen Tunnelevakuierung. Aufgrund unklarer Zuständigkeiten dauerte die Räumung eines Zuges mehrere Stunden. Inzwischen wurde festgelegt, dass ein Zug nicht länger als 30 Minuten in einem Tunnel stehen darf, bevor eine Evakuierung eingeleitet werden muss. Gleichzeitig wurde die Frage aufgeworfen, ob die Beschäftigten ausreichend und regelmäßig auf solche Szenarien vorbereitet werden.
Berufsbilder und Betriebsabläufe im Wandel
Ein weiterer Schwerpunkt des Treffens war der Vergleich von Betriebsabläufen und Aufgabenprofilen des Zugpersonals in den vier Ländern. Beim Thema Zugabfertigung wurden unterschiedliche Verfahren vorgestellt:
- In der Schweiz erfolgt die Zugabfertigung weitgehend digital über eine App, die direkt mit den Stellwerken verbunden ist. Ein Abfahrauftrag kann nur erteilt werden, wenn das Signal tatsächlich Fahrt zeigt.
- In Deutschland werden ebenfalls digitale Anwendungen und App-Lösungen genutzt. Die Signalstellung muss jedoch weiterhin eigenständig überwacht werden.
- Österreich setzt überwiegend auf klassische beziehungsweise analoge Verfahren.
- Luxemburg verfolgt mit dem kundenorientierten Abfahrtsprozess (KOA) einen eigenen Ansatz, bei dem das Zugpersonal vor allem für die Bahnsteigbeobachtung und den Schließvorgang verantwortlich ist.
Trotz unterschiedlicher technischer Lösungen wurde deutlich, dass die Verantwortung und die Anforderungen an die Beschäftigten in allen Ländern hoch bleiben. Der Austausch zeigte, dass Digitalisierung sinnvoll unterstützen kann, jedoch nicht zulasten von Sicherheit oder Beschäftigten gehen darf.
Gemeinsam stärker durch internationalen Austausch
Das 4-Ländertreffen hat erneut gezeigt, wie wertvoll der grenzüberschreitende gewerkschaftliche Austausch ist. Trotz unterschiedlicher rechtlicher und betrieblicher Rahmenbedingungen stehen die Beschäftigten im Eisenbahnsektor vor ähnlichen Herausforderungen: zunehmende Gewalt gegen Mitarbeitende, Rationalisierungsdruck, Personalabbau und steigende Anforderungen im Betriebsalltag.
Neben den fachlichen Diskussionen bot das Rahmenprogramm mit einem Besuch von Schloss Schönbrunn Gelegenheit für persönliche Gespräche und den kollegialen Austausch. Ein herzlicher Dank gilt den Kolleginnen und Kollegen der vida für die hervorragende Organisation und Gastfreundschaft.
