Carl Legien, Gewerkschafter und Politiker

Carl Legien, Gewerkschafter und Politiker, starb vor 100 Jahren am 26. Dezember 1920. Die Eisenbahn und Verkehrsgewerkschaft (EVG) erinnert an einen außergewöhnlichen Gewerkschafter und Politiker. Carl Legien hat die erste deutsche Republik verteidigt und den Achtstundentag durchgesetzt. Dieser Gewerkschafter ist einer der vergessenen Helden der Demokratie in Deutschland. Er ist ein Vorbild, gerade in der heutigen Zeit.

Legien war Waisenkind und aufgewachsen in einem Waisenhaus im pommerschen Thorn. Er erlernte das Drechslerhandwerk. Mit knapp 30 Jahren, im Jahr 1890, wurde Legien Vorsitzender der Generalkommission der Gewerkschaften. Die Gewerkschaften waren damals zersplittert, litten unter internen Streitigkeiten. Allein im Baugewerbe gab es verschiedene kleine Verbände. Aus diesen Kleinverbänden und unter den Erschwernissen der bismarckschen Anti-Sozialisten-Gesetze hatte Legien sich vorgenommen, eine schlagkräftige Vertretung der Gewerkschaften zu formen. Legien etablierte die Gewerkschaftsbewegung als politische, gleichberechtigte Kraft neben der SPD.

Carl Legien war die Person, die 1918, nur sechs Tage nach dem Sturz der Monarchie, mit den Industriellen die Magna Charta für die Arbeiter aushandelte. Das Stinnes-Legien-Abkommen1 vom 15. November 1918 war eine Vereinbarung, die fast alles brachte, was sich die Arbeiter damals erträumt hatten: Anerkennung der Gewerkschaften, Koalitionsfreiheit, Anerkennung von Tarifverträgen, Einsetzung von Arbeiterausschüssen, also die Vorgänger der Betriebsräte, und schließlich als Sensation: die Einführung des Achtstundentags bei vollem Lohnausgleich.

Das alles bekam Legien nicht umsonst. Die Gewerkschaften verzichteten dafür auf die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien. Sie akzeptierten die kapitalistische Wirtschaft. Und die Industriellen akzeptierten nach dem Motto Schlimmeres verhüten, Tarifverträge und weitere Arbeiterrechte.

Legien konnte zufassen. Das zeigte er im März 1920, als er sehr entschlossen den Widerstand gegen den Kapp-Putsch anführte und die Weimarer Republik fürs erste rettete.

Gewerkschaft, das lernen wir heute daraus, ist notfalls auch dafür da, Gesellschaft und Staat vor dem Nationalismus und dem Extremismus zu retten:

Als ein Teil des geschlagenen Heeres damals gegen die junge Demokratie putschte, als schwer bewaffnete Soldaten das Berliner Regierungsviertel besetzten, als Reichspräsident Friedrich Ebert, der Kanzler und die meisten Minister schon resigniert in Richtung Süden geflohen waren, als die putschenden Offiziere und Generäle den preußischen Beamten Wolfgang Kapp als Reichskanzler eingesetzt hatten, der die vom deutschen Volk gewählte Nationalversammlung für aufgelöst erklärte –  rief Legien den unbefristeten Generalstreik aus.

Dies war der bisher größte politische Streik in der Geschichte Deutschlands. Er legte das öffentliche Leben komplett lahm, sodass die Putsch-Regierung handlungsunfähig blieb. Legien schaffte das, obwohl die Kommunisten sich dem Aufruf zum Generalstreik nicht anschlossen. Selbst ein Versuch des Putsch-Kanzlers Kapp, bei der Berliner Zentrale der Reichsbank einen von ihm unterzeichneten Scheck über 10 Millionen Mark einlösen zu lassen, scheiterte kläglich. 

Der Putsch war nach 100 Stunden wieder vorbei. Das war eine historische Tat der Gewerkschaften, die etwas in Vergessenheit geraten ist, weil die Nazis 1933 an die Macht gekommen waren.

Die von den Gewerkschaften verteidigte deutsche Republik musste in kurzer Zeit sehr viel aushalten, putschende Militärs, irrsinnige Inflation und hasserfüllte, blutige Auseinandersetzungen. 

Carl Legien war einer der wichtigsten Menschen der ersten Stunden der deutschen Republik. Er starb am 26. Dezember 1920 in Berlin. Legien gehört zu den Helden der frühen Demokratie in Deutschland. Er ist ein Vorbild in Zeiten, in denen sich der Extremismus wieder aufbläht.

Anmerkungen / Quellenverweise

1) Das Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918 war eine Kollektivvereinbarung zwischen 21 gewerblichen und industriellen Arbeitgeberverbänden und sieben Gewerkschaften.

Quellen:
Dokumentation der EVG Geschichte, Hofmann/Rewinkel, „DER STÄNDIGE KAMPF“, 2. Aufl. 2018,
Süddeutsche Zeitung Dez. 2020,
Wikipedia

Friedrich Rewinkel, EVG Geschichte, im Februar 2022
geschichte@evg-online.org